Montag, 4. März 1996

"Moffenblues" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Wieviel Handlung braucht ein großer Theaterabend? Es geht auch fast ohne - das bewies Gerardjan Rijnders mit "Moffenblues" in den Kammerspielen. Schon lange nicht mehr ist in Berlin auf eine so unterhaltsame, sensible und musikalische Weise keine Geschichte erzählt worden. Oder ein ganzes Meer von Geschichten - was auf das gleiche hinausläuft.

Der holländische Regisseur und Autor schickte Anne Frank, die ewig weiterleben muß wie der Fliegende Holländer, auf eine Reise in die seltsame Seelenwelt der "Moffen" (Schimpfwort für Deutsche) im Berlin von heute. Aus Gedanken, Gesprächen, Erinnerungen und Wirklichkeitsschnipseln setzt sich ein vielschichtiges Bild des Neurosenwunderlandes Deutschland zusammen.

Da erklärt die unsterbliche Anne Frank, daß sie nicht nach Amsterdam zurückkonnte, weil sich die holländische Tourismusindustrie von diesem Schlag nie erholt hätte. Und ein junger Mann erregt sich über Deutsche, die überall jüdische Gedenkstätten besuchen und mit einem "Holocaust-Lächeln" auf dem Gesicht feststellen: "Was hier alles passiert ist!"

Rijnders hat den ironischen Blick von außen. Und er sieht: Ob Ost, ob West - typisch für die Deutschen ist die Hartnäckigkeit, mit der sie sich in ihren diversen unbewältigten Vergangenheiten festbeißen. Erlösung finden sie nur kurz im Kitsch: Zum niederländischen Schlager "Zusammensein" choreographiert Rijnders eine musicalhafte Erlösungsszene, die aber rasch wieder im alltäglichen Chaos-Ballett endet.

Hollands Peter Stein hat man Rijnders genannt. Diese plumpe Plakette enthält ein Stück Wahrheit: Mit leichter Hand hat er die Schauspieler (besonders auffällig: Gabriele Heinz und die Holländerin Chun Mei Tan) aus den im DT üblichen küchenrealistischen Spielweisen befreit.

Ein Teil des Publikums reagiert mit Unwillen. Motto: "Der 'Kessel Buntes' und Professor Flimmrich sind verschwunden, und jetzt will man uns auch noch die sauber von A bis Z erzählten Geschichten wegnehmen!"

Die Buhrufer können beruhigt sein. Ein Dauerbrenner wird "Moffenblues" nicht werden. Es sei denn, es spricht sich bis zum pogressiveren Teil des Schaubühnenpublikums oder zu denjenigen, die auch einer leisen Marthaler-Inszenierung etwas abgewinnen können, herum, daß es hier in den Kammerspielen das Belangvollste seit Jahren zu sehen gibt.

BZ Berlin

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