Freitag, 17. Mai 1996

"Wahlverwandtschaften" vom Zürcher Theater am Neumarkt beim Theatertreffen

Im deutschen Theater ist es wie früher im Politbüro der UdSSR. Als Gorbatschow mit 54 an die Macht kam, erschraken seine Genossen: "Jetzt lassen sie schon die Kinder ran!" Und hier und heute sagt Altmeister Peter Zadek (70) ohne jede Ironie über Frank Castorf (44): "Für mich der begabteste unter den jungen Regisseuren."

Stefan Bachmann, dessen Zürcher "Wahlverwandtschaften nach Goethe" jetzt beim Theatertreffen gefeiert wurden, ist in diesem Klima eine Art Mega-Gorbatschow: Er ist 29 und sieht keinen Tag älter aus. Er hat keine Glatze, keine Brille und trägt keine schwarze Kleidung - die üblichen Markenzeichen des Nachwuchsregisseurs von knapp 40.

Aber welche frühreife Meisterschaft läßt er schon jetzt erkennen. Wie cool und geschickt die Inszenierung zwischen Tempo und Ruhe, zwischen lärmender Modernität und gebändigter Biedermeier-Stille changiert! Und wie er seine Schauspieler dazu brachte Triumphe sowohl mit Slapstick (da wird der Putzlappen zum erotischen Utensil) als auch mit ganz dezenten Mitteln zu erringen!

Bachmann ist auch keiner, der alles gleich inszeniert. "Wahlverwandtschaften" - jenes Stück um zwei großbürgerliche Paare, die darum ringen, Harmonie und sexuelle Erfüllung zu verbinden - ist maßgeschneidert für die Schweiz, bis hin zum Auftritt eines schwyzerdützschen Penners. Das ist auch der einzige Grund, warum es hier nur einen Applaus-Bären gibt: Bachmanns Berliner Goethe-Streich "Lila" mit seinen sexuellen und sonstigen Identitätskrisen sprach die Stadtneurotiker-Seele einfach noch direkter an als es die nicht minder geglückten "Wahlverwandtschaften" tun.

BZ Berlin

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