Donnerstag, 6. Juni 1996

"Der Auftrag" im Berliner Ensemble

Wenn Männer eine Sinnkrise haben, kehren sie gerne zurück zu ihren Wurzeln. Suchen die Stätten ihrer Kindheit auf, hören die alten Platten noch mal, turteln wieder mit den abgelegten Freundinnen.

Theaterregisseuren in ähnlichen Krisen bleibt auch noch die Möglichkeit, so zu inszenieren wie sie es vor Jahren schon mal getan haben. In diese Falle ist Frank Castorf mit "Der Auftrag" im Berliner Ensemble getappt. Alles an diesem Auswärtsspiel des Volksbühnen-Intendanten sieht aus wie die Inszenierungen, mit denen er 1992 seinen Einstand am Rosa-Luxemburg-Platz gab: Sogar die Einheitsbanane, Markenzeichen der ersten Volksbühnen-Jahre, ist wieder da. Und seit "König Lear" habe ich mich in einer Castorf-Inszenierung nicht mehr so gelangweilt.

Wir kapieren schnell. Debuisson (Hermann Beyer), Sasportas (Silvia Rieger) und Galloudec (Dieter Montag), die Revolutionäre aus Heiner Müllers Stück sind Schwätzer, Spielkälber und Kindsköpfe. Nie kommen sie ihrem Auftrag, auf Jamaika einen Sklavenaufstand anzuzetteln, näher als ein Komet der Erde. Aber den Zusammenhang zwischen Revolution und Kindergarten hat Castorf in "Die Sache Danton" auch schon schlüssiger dargestellt.

Traurig, daß dies vielleicht der letzte große Auftritt von Marianne Hoppe bleiben wird. Die 85 Jahre alte Diva, die ihre Rollen als Antoine und "Alte Liebe" mit unglaublichem Schwung und Körpereinsatz spielt, hatte ja schon bei "Quartett" 1994 angekündigt, daß sie aufhören will.

Das einzige Erfreuliche: "Der Auftrag" stellt alle, die seit Jahren Castorf mit den gleichen Phrasen aus dem Klischeebaukasten des Theaterkritikers verreißen vor eine echte Aufgabe. Was wollen die jetzt schreiben, wo er mal wirklich schlecht ist?

BZ Berlin

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