Samstag, 29. Juni 1996

"Die sieben Ströme des Flusses Ota" beim Festival Theater der Welt in Dresden

Theater, das aufs Ganze geht - das "Die sieben Ströme des Flusses Ota", das gewaltige Epos des Kanadiers Robert Lepage und seiner Gruppe "Ex Machina", das am Wochenende beim Festival "Theater der Welt" im Dresdner Staatsschauspiel seine deutsche Erstaufführung erlebte. Lepage nimmt in sieben Teilen das ganze 20. Jahrhundert ins Visier. Er führt seine Hauptfiguren durch Hiroshima, Theresienstadt, New York, Amsterdam und verknüpft ihre Lebensfäden wie ein großer Romancier. Und er nutzt dabei das ganze Repertoire der dramatischen Ausdrucksmöglichkeiten: Schauspiel - na klar, aber auch Pantomime, Puppenspiel, Oper, japanisches NO-Theater und Butoh-Tanz. Eine französische Farce im Stil von Feydeau kippt um in einen Alptraum und wird zum pirandello-haften Experiment, bei dem die Grenzen zwischen Theater und Wirklichkeit verschwimmen. Das New York der 60er wird witzig und virtuos gezeigt wie in einem frühen Film von Jim Jarmusch. Dieses unglaubliche Neben- und Ineinander von Handlungsorten, Stilen und Schicksalen glückt, weil Lepage sich auf die Kraft seiner Schauspieler, die bis zu 10 Rollen spielen, ebenso verlassen kann, wie auf das famose Können seiner Bühnentechniker, die mit Video, Licht, mehreren parallel bespielten Räumen erst die Welten schaffen, in denen sich alles abspielt. Daß weder die Fülle der Technik noch die Fülle der Kunst den Zuschauer erschlugen, sondern alles acht Stunden lang ganz leicht und zauberisch blieb, ist nur eine der Proben seines Genies, die Lepage mit diesem Stück gibt. Aus der Fülle seiner szenischen Einfälle hätten Berliner Theaterkünstler mindestens 50 Stücke gemacht. 

BZ Berlin

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