Mittwoch, 19. Juni 1996

"Germania 3" im Berliner Ensemble

Des Jubels war kein Ende, aber noch grenzenloser war die Ratlosigkeit nach der Premiere von "Germania 3" im Berliner Ensemble. Drei Wochen nach der Bochumer Uraufführung hat Martin Wuttke Heiner Müllers letztes Stück im Müller-Geisterhaus Berliner Ensemble inszeniert. Der Jungintendant und Müller-Nachfolger als literarischer und theatralischer Testamentsvollstrecker.

Wuttkes erste große Regiearbeit sieht aus, als hätte ein genialer 33 Jahre alter Schauspieler das, was er an Tricks bei seinen Lehrern Schleef und Müller abgeschaut hat, mal selber ausprobiert und das ganze dann noch mit einigen Wuttke-Eigenheiten gewürzt. Aber lohnt das die Jubelorkane und Bravo-Orgasmen am Ende?

Denn Müllers letztes Stück ist bei weitem nicht sein stärkstes. "Germania 3" - ein Alptraum-Bilderbogen aus dem 20. Jahrhundert. Mit Szenen aus Stalingrad, vom Kriegsende 1945, aus der frühen DDR. Hitler und Stalin treten auf, Kommunismus und Faschismus werden als haßliebende Doppelgänger gezeigt. Eine Episode spielt im Berliner Ensemble 1956, kurz nach Brechts Tod. BE-Altstar Ekkehard Schall stellt sich selbst dar. Das treue Stammpublikum darf über einige Insiderscherze lachen. Wir Besserwessis fragen: Wen interessiert das noch? Und würgen die Frage gleich wieder ab - aus Respekt vor dem Klassiker.

Doch immer weht der Geruch von Altmännerprosa durch den Raum. Frauen sind bei Müller nur Witwen, Rächerinnen, Opfer. Die Überzeugung, daß allein Tod, Schmerz und Leiden wahr sind, färbt auch diesen Text. Darin ist Müller sich mit den rechten Vordenkern des Jahrhunderts, mit Leuten wie Jünger oder Carl Schmitt, ebenso einig wie in seinem Anitamerikanismus.

Kein Wunder, daß die Gegenwartsszenen am meisten mißglücken. Eine Szene mit zwei Yuppies, die ein Schloß in Mecklenburg erben, ist flach wie ein RTL-Vorabendserie. Und Frauen, die "Kitty" heißen, gibt es seit "Rauchende Colts" nicht mehr"!

Der einzig wirklich grandiose Eindruck: Volker Spengler als Hitler und "Rosa Riese". So kraftvoll, so präzise lauernd habe ich diesen sonst eher wegen seiner Lässigkeit geschätzten Schauspieler noch nie gesehen. Da kommt eine böse Ironie ins Spiel, etwas Anarchisches, das sich dem ganzen männertümelnden Genitalquark des Textes verweigert. Bei ihm funktioniert die Ironie mal, ansonsten ist hier sogar der Witz aus Blei. 

BZ Berlin

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