Mittwoch, 12. Juni 1996

"Time Rocker" im Thalia-Theater

Theater wie ein schönes Feuerwerk. Laut, teuer, bunt, blendend, bedeutungslos, aber faszinierend wie ein Himmel voller fremder Sterne - das ist "Time Rocker", Bob Wilsons drittes Musical im Hamburger Thalia-Theater, "Black Rider" und "Alice".

Nach zwei Arbeiten mit Tom Waits hat sich Wilson diesmal mit Lou Reed zusammengetan. Und das Genie des schlichten Gitarrenrocks wirkte auf die Kunst des sanften Bob wie ein Amphetamin-Vitamin-Cocktail: Anders als "Alice", das unter allzuviel Design fast erstickte, ist "Time Rocker" ('Zeitenschüttler') oft wunderbar wild und witzig.

Stefan Kurt (bekannt als "Schattenmann") bewältigt sowohl Wilsons superpräzisen Bewegungsdrill als auch Reeds Rocksongs ganz lässig. Noch besser ist die unglaubliche Annette Paulmann. Ein Naturwunder - oder besser noch: ein Kunstwunder, wie sie es schafft, unter all den Wilsonschen Lichteffekten, Tonnen von Kostümen (Frida Parmeggiani) ganz Frau zu bleiben. Kindlich und raffiniert, sexy und komisch.

Paulmann und Kurt spielen das Hauspersonal eines genialen Doktors, der eine Reise durch die Zeit angetreten hat. Prompt geraten die beiden unter Mordverdacht und fliehen, ebenfalls mit Hilfe einer Zeitmaschine. Ihre Reise durch die Epochen inszeniert Wilson mal ganz ruhig und meditativ, mal als Rockballett, mal als abstrakte Komödie.

So vergehen zweieinhalb Stunden mit deutschen Texten (Libretto: Darryl Pickney) und englischen Songs höchst kurzweilig. Aber ist es auch Kunst? Manchmal ja. Aber oft eben nicht mehr als Kunsthandwerk. So wie eine schöne Krawatte. Manche können im Rausch, im Wahn oder in Momenten der Inspiration auch im Krawattenmuster noch eine tiefe Botschaft sehen. Für alle anderen bleibt die Krawatte einfach nur eine schöne Krawatte. Und das ist doch auch was.

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