Freitag, 26. September 1997

"Das wirkliche Leben des Jakob Gehherda" im Renaissance-Theater

Schon ein paar Monate, bevor das Brecht-Jahr 1998 beginnt, hat in Berlin die Saison für Brecht-Kuriositäten angefangen. Zwei Wochen, nachdem das Berliner Ensemble mit der 40 Jahre nicht gespielten Mini-Oper „Die Maßnahme“ einen hübschen Erfolg verbuchen konnte, setzt das Renaissance-Theater auf ein ähnliches Pferd. Und auch „Das wirkliche Leben des Jakob Gehherda“ kommt erfolgreich ins Ziel.

Das heißt: So genau weiß man das ja niemals im Theater, wo es keine elektronische Erfolgskontrolle beim Fotofinish gibt. Brechts ungefähr 1937 im dänischen Exil geschriebenes Stück ist nicht vollständig. Es existieren eigentlich nur Szenen, Songs und ein paar Entwürfe. Er wird schon gewußt haben, warum er die irgendwann liegen ließ.

Zwar haben Regisseur Piet Drescher und Uwe Lohse, der die Musik komponierte und einstudierte, daraus einen vollständigen Theaterabend rekonstruiert. Und der kam ganz flott über die Rampe. Doch diese Flottheit ist manchmal ein bißchen ranzig - so wie das Wort „flott“, das heute ja eigentlich auch nur noch alte Damen für ein Kompliment halten.

Die alte Dame, an die wir uns während der zwei Stunden Spielzeit häufiger erinnern, ist das Berliner Ensemble von früher. Alle Zutaten aus der Ära des Intendanten Manfred Wekwerth sind auf einmal wieder da. Die gute alte Brecht-Gardine. Die Songs, die so klingen als hätten sie ca. 1974 auf DDR-Schallplatten veröffentlicht werden können. Die Verfremdungseffekte und das „gestische Spiel“. Dazu kommt dann noch eine Prise Theater des Westens - auch nicht gerade die peppige Würze des Theaters von heute.

Matthias Günther ist der Kellner Jakob Gehherda, dem die Unterwürfigkeit zur zweiten Natur geworden ist und der seine naiven Vorstellungen von Gerechtigkeit nur noch in seinen Träumen wahr werden lassen kann. Da fühlt er sich als schwarzer Ritter, der die Ehre einer bedrängten Küchenhilfe rettet. Oder als Gangsterboß, der der Köchin zum Pelzmantel und zu einem großen Auftritt im Luxushotel Waldorf Astoria verhilft. Dann erwacht er wieder. Und buckelt wieder nach allen Seiten.

Günther ist ein toller Schauspieler. Das hat er im Renaissance-Theater in „Meine Nacht mit Reg“ und in „Voltaires Neffe“ und zuvor in Jahrzehnten DDR-Theater und vielen Defa-Produktionen bewiesen. Und das zeigt er auch hier - egal, ob er ganz alleine vor der Brecht-Gardine einen Song schmettert. Oder ob von seinem Chef, den Gästen und den Kollegen hin und her gestoßen wird und dabei unter anderem Charlie Chaplin, Adolf Hitler und den berühmten Kollegen Martin Wuttke in seiner Rolle als Arturo Ui parodiert.

Doch um ihn herum sind eine Menge zweitklassiger Kollegen. Wenn sie deutlich sein wollen, klingen sie manchmal so überartikuliert wie eine ehrgeizige Laienschauspielgruppe. Sie können ganz ordentlich singen. Sie können einigermaßen tanzen. Doch sie können uns nie richtig für sich interessieren. Sie wollen leicht und witzig sein, doch man sieht wie sehr sie das alles anstrengt. Ein Teil des Publikums dankte ihnen diese rührende Anstrengung mit heftigem Applaus. Doch das kann in der dritten oder fünften Vorstellung ganz anders aussehen. Applaus in der Premiere beweist gar nichts. Außer, daß viele Freunde und Verwandte da waren.

Und vielleicht beweist es auch noch etwas anderes: Nämlich, daß Brechts Verfremdungseffekte heute endgültig nicht mehr revolutionär sind. Sie sind nur noch komische Tricks aus der untersten Mottenkiste des Unterhaltungstheaters. 

BZ Berlin

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