Freitag, 6. September 1996

"Gloucester Time/Materiau Shakespeare/Richard III" bei den Berliner Festspielen

Zynismus gilt gemeinhin als Alterskrankheit. Aber was ist der bittere Zynismus, derjenigen, die mit einem Bein im Grab stehen, verglichen mit dem metallisch-harten Zynismus der Jungen, die noch glauben, sie lebten ewig?

Shakespeare war 29, als er "Richard III." schrieb. Ein Quentin Tarantino der Spätrenaissance. Jede Menge Morde und dazwischen brillante Dialoge. Eilfertig ist die Jugend mit dem Wort. Und mit dem Mord. Von der jugendlichen Unbekümmertheit Shakespeares und dem Schwung seines Ensembles aus lauter unter 30jährigen hat sich Matthias Langhoff zu seiner Inszenierung "Gloucester Time/Materiau Shakespeare/Richard III" befeuern lassen: Vier Stunden pralles Theater auf einer hölzernen Bühnenmaschine, die sich durch kleine Umbauten und hin und her gezogene Brecht-Gardinen sekundenschnell vom Tower zum Schlachtfeld zum Schiff und wieder zurück wandelt. Faszinierend, auch wenn man kein Wort Französisch kann.

Gezeigt wird der Aufstieg eines Gang-Leaders in Zeiten des Chaos. Gemordet wird beiläufig und massenhaft. Verhöhnt werden die Opfer auch noch charmant-provokant vom bösartig glänzenden Richard (Marcial Di Fonzo Bo). Und auch das Happy End bleibt fragwürdig: Die Guten sind nur die Bösen mit dem besseren Image. Die Ähnlichkeit mit den Warlords und Massenmord-Hypnotiseuren von heute wäre auch ohne die Anspielungen Langhoffs auf den Golfkrieg unübersehbar. 


BZ Berlin

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