Donnerstag, 5. September 1996

"Zement" in der Volksbühne

Drei Stunden kann man in der Volksbühne Menschen zusehen, wie sie den verlorenen Schlüssel zum Werk Heiner Müllers suchen. Doch der scheint - nicht mal neun Monate nach dem Tode des spätsozialistischen Klassikers - auf Nimmerwiedersehen in einem tiefen Brunnenschacht versunken zu sein. Was soll uns auch heute "Zement", diese Geschichte aus dem Jahre 1924, die schon angegammelt war, als Müller 1972 sein Drama draus machte? Der Bürgerkriegskämpfer Gleb Tschumalow (Roland Koch) kehrt heim zu einer erkalteten Ehefrau (Cornelia Schmaus) und einem verrotteten Zementwerk.

Regisseur Andreas Kriegenburg weiß, daß die Suche nach verlorenen Gegenständen zu den Ur-Situationen klassischer Slapstick-Komödien gehört. Und so läßt er seine Schauspieler nicht nur Duette von Laurel und Hardy singen - sie dürfen auch selbst komisch sein. Da strampelt Gerd Preusche als Funktionär Badjin wie ein Hamster auf dem Rad, um einen roten Stern zu erleuchten. Und Justus Carrière als Kleist ist die Karikatur eines verrückten Stummfilm-Wissenschaftlers.

Zuwenig Komik, um den allgegenwärtigen Blues zu lindern. Die Figuren haben den Blues, weil der Sozialismus im Zement-Eimer ist. Die Musik hat den Blues, weil sie von Tom Waits und Ry Cooder ist. Und wir haben den Blues, weil wir schon wieder (zwei Monate nach "Germania 3" im BE) mit ansehen müssen , wie eine Berliner Theatertruppe (trotz grandioser Szenen und Kriegenburgs feinem Gefühl für Rhythmus) fast erstickt, beim Versuch, Heiner Müller aus dem Dornröschenschlaf zu küssen.

BZ Berlin

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