Donnerstag, 17. Oktober 1996

"Des Teufels General" in der Volksbühne

Der Weltraum als letzte Zufluchtsstätte der Nazis und ihrer Flieger? Frank Castorf hat die geheimen Träume Wernher von Brauns ins Rampenlicht der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gezerrt. In einem eleganten Nazibunker auf dem Mond darf die Party des Generals Harras aus Carl Zuckmayers "Des Teufels General" endlos weitergehen. "Weiber, Saufen, Fliegen. Es war sehr schön, alles in allem," sagt Harras einmal - die einfachen Wahrheiten sind auch noch unzerstörbar, wenn die Menschheit längst ins Weltall ausgewandert ist.

In diesem letzten Teil seiner "Trilogie des deutschen Alltagslebens" (nach "Pension Schöller/Die Schlacht" und "Golden fließt der Stahl/Wolokolamsker Chaussee") geht es Castorf am wenigsten darum, dem Stück, das die Erlösungssehnsüchte der Nachkriegsdeutschen ansprach wie kein zweites, auf billige Weise die Maske vom Gesicht zu reißen. "Des Teufels General" ist für den Regisseur vor allem als Typenpanorama des Totalitarismus interessant. Wenn das ganze Ensemble Harras und den amerikanischen Journalisten Buddy Lawrence (Kate Strong) in Dienste der Gestapo belauert und sich mit "Was sollste da machen?" rausredet , dann mag sich gerade im Osten Berlins manch einer an die Zeit erinnert fühlen, als zehn Stasispitzel auf jeden halbwegs Verdächtigen angesetzt wurden, und am Ende doch nur Mist in ihren Protokollen stand. Und auch als General Harras von den ersten zwei Jahren der Naziluftwaffe fabuliert, als die ganz Geschichte noch Stil hatte, kommt uns das bekannt vor: Jede Diktatur, ob rot, ob braun - hat ihre mythischen ersten paar Jahre, in der die Ideale angeblich noch geglänzt haben. Und diese Zeit wird als goldene Ära um so wichtiger, je grauer und brutaler die nächsten Jahrzehnte werden.

Am wenigsten hat Castorf die Figur des Saboteurs Oderbruch, der bei Zuckmayer den deutschen Widerstand repräsentierte, interessiert. Ganz am Ende, als das Ensemble sich schon zum Schlußapplaus formiert, taucht er endlich auf. Ein alter Mann, mit einer Strizzi-Perücke (Joachim Tomaschewsky), der bekennt: "Ich war's." Zwischen Oderbruch und dem fanatischen Kulturleiter Schmidt-Lausitz sind die anderen Figuren des Stückes angesiedelt. Und in diesem Dazwischenreich geht Castorf auf die Suche nach der deutschen Seele.

Was Castorf, der Erotomane, dort findet ist auch sexueller Wahnsinn. Von der Casino-Obzönität, über den Johannistrieb des Generals bis hin zur kameradschaftlichen Wärme der Fliegersoldaten - die Triebe sind in Zuckmayers Sprache immer präsent. Der Trick, mit dem diese Farben noch sichtbarer gemacht werden, heißt: Geschlechtertausch. Die wichtigsten Rollen werden fast alle mal von einem Mann, mal von einer Frau gespielt. Im ersten Akt ist der General Corinna Harfouch. Wenn sie in einer grandiosen Szene dem jungen Leutnant Hartmann (Kurt Naumann) den Heldentod nicht ausredet, nein, körperlich austreibt, ist sie auf eine atemberaubende Weise dröhnender Männerkumpel, Mutter und Geliebte zugleich.

Überhaupt: Wer diesen ungeheuer kurzweiligen, spannenden, knapp dreistündigen pausenlosen Abend preisen will, muß zuallererst von den Schauspielern reden. Neben der überragenden Corinna Harfouch, strahlen vor allem Sophie Rois und Bernhard Schütz. Die Szene, in der die Rois als Männerkraft anbetendes Pützchen den General (Schütz) zur Rede stellt wird zum furiosen Geschlechterkampf und zum verbalen Akt, an dessen Ende die beiden nur noch "Probleme, Probleme" stammeln können.

Castorf-Theater trennt. Den Teil der Kritiker, die seine Inszenierungen seit Jahren mit ihrer tantigen Ironie beträufeln, um die aufregenden Unverschämtheiten verdaulich und ungefährlich zu machen, wird der mittlerweile 45jährige auch mit "Des Teufels General" nicht bekehren können. Die riesige Gemeinde seiner Fans darf sich freuen "Des Teufels General" wird sich vielleicht als der grandioseste Castorf-Anschlag seit "Pension Schöller" oder "Rheinische Rebellen" entpuppen. 

BZ Berlin

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