Dienstag, 1. Oktober 1996

"Leonce und Lena. Yvonne" im Maxim-Gorki-Theater

Hereinspaziert im Zirkus Gorkiani. So angenehm bin ich schon lange nicht mehr überrumpelt worden unter Auferbietung sämtlicher anrüchigen Tricks, für die sich das Theater sonst meist zu fein ist. Ausgerechnet bei einer vermeintlichen dramaturgischen Hirnmißgeburt - der Zusammenschmiedung zweier Stücke: "Leonce und Lena" von Georg Büchner und "Yvonne, Prinzessin von Burgund" von Witold Gombrowicz. Und das auch noch im Gorki! Sollten sie etwa endlich ausgebrochen sein, die neuen wilden Zeiten, die Intendant Bernd Wilms seit zwei Jahren herbeifleht?

Sieht ganz so aus. "Holiday on H" wäre auch ein schöner Titel für die böse schwarze Rock-Show die Günther Gerstner knapp zwei Stunden lang entfesselt. Ferien vom Ich mit Hilfe von Heroin, das sich Prinz Leonce (Thomas Schmidt) nach wenigen Minuten spritzt, um der abgrundtiefen Langeweile und Bedeutungslosigkeit seiner höfischen Existenz ein Weilchen zu entkommen. Gemeinsam mit seinem Diener und Dealer Valerio (Tilo Werner) geht seine Hohlheit auf den Trip in die "ambrosische Nacht".

Zwei Stücke, ein Thema - die Kälte der Jugend, die sich in Langeweile und Todessehnsucht äußern kann (davon ist viel bei Büchner die Rede) oder in der Sucht zu quälen oder zu provozieren, z. B. in dem man eine Behinderte heiratet und sie dann mit einem Quickie mit der Hofdamme demütigt wie Prinz Philipp bei Gombrowicz.

Das klingt nach Sozialarbeit, aber bei Gerstner wird es mal grelles, mal inniges Theater, das mit Knalleffekten protzt wie eine Rockrevue von Alice Cooper: Da landen Fesselballons, eine Artistin lockt mit ihrem begnadeten Körper, Hochzeitskleider blinken wie die Milchstraße, kindliche Cheerleader jubeln im FDJ-Dress, vertrottelte DDR-Grenzer behelligen Leonce und Valerio.

Was platt klingt, ist auf der Bühne vor allem direkt. Gerstner geht ohne Umwege auf sein Ziel los wie seine Vorbilder, die Ramones. Und ganz am Ende legt Ursula Werner als erstickende Yvonne eine Sterbeszene hin, die zynisch ist und witzig zugleich. Wenn die blasierte Hofgesellschaft ihr minutenlang zusieht, wie sie plump und hilflos verröchelt, dann ist das pures Theater der Grausamkeit.

BZ Berlin

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