Sonntag, 13. Oktober 1996

"Sugar Dollies" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Wenn im Theater mal über aktuelle Zustände und Typen gelacht wird, dann kramt mit Sicherheit immer irgendeiner den Vorwurf "Das ist ja Kabarett!" aus der Rumpelkammer der kritischen Allgemeinplätze hervor. So war es auch bei der deutschen Erstaufführung von "Sugar Dollies", dem neuen Stück von Klaus Chatten in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Dabei kann es schon allein deshalb kein Kabarett sein, weil ich gelacht habe. Ich verspreche es Ihnen - ich lache eher bei einer Blinddarmoperation ohne Narkose als über Kabarett, aber bei "Sugar Dollies" gab es über weite Strecken kein Entkommen mehr vor dem bösen Humor Chattens und vor dem gnadenlos überdrehten komödiantischen Furor der Darstellerinnen.

"Sugar Dollies" ist eine Groteske aus der Unterwelt der deutschen TV-Branche. Es treten auf: Rosy eine Schauspielerin, wie man sie aus den Teilnehmerverzeichnissen drittklassiger Mime-Workshops kennt. Sie kann nicht steppen, nur trampeln, Sie kann keine Pantomime, nur fuchteln. Eva Weißenborn als Rosy schrammt lustvoll am Klischee entlang und erleidet doch keinen Schiffbruch. Mit ihrer "Penthesilea" bringt Rosy nicht nur Viola Pfauweber zum Reihern, die für die Talkshow "Sugar Dollies" Gäste castet: Barbara Schnitzler spielt diese Handy-Domina mit Lust am Wessi-Witz. Ihr Gegenpol: Peterchen (Ulrike Krumbiegel), die Ostblondine, die im Sonnenstudio selbst ihr bester Kunde ist. Sie träumt vom Auftritt bei "Sugar Dollies" genauso wie Tabea (Simone v. Zglinicki als übergewichtiger Michael-Jackson-Fan).

An Tabeas Mama Babette Mrugalla zeigt sich das kleine Wunder dieser Aufführung am deutlichsten: Gudrun Ritter faßt diese Heldin des White Trash nicht mit spitzen Fingern an, wie sonst am DT üblich. Sie röhrt, sie schreit, sie bleibt auch unartikuliert, wenn's not tut. Und wir vergessen tatsächlich mal, daß in der Prollmami eine große Staatstheaterschauspielerin steckt. Und all diese Leistungen hat ausgerechnet Regisseurin Johanna Schall, bislang auch nicht gerade Spezialistin für die Wonnen der Gewöhnlichkeit, den Damen entlockt.

Das ganz große Zeitstück ist "Sugar Dollies" gewiß nicht. Nur eine bei aller Groteske doch ziemlich genau dem Leben abgelauschte Revue. Chattens Ruhrgebiets-Muttertiere sprechen genauso furchterregend echt, wie er das dämliche Gequatsche von Talkshow-Flachpfeifen, Kleindarstellern und Offtheater-Regisseuren trifft.

96,6 Prozent der Zuschauer am Premierenabend waren begeistert - die anderen gingen nach Hause und weinten in ihre Kopfkissen, die mit den dürren Daunen der politischen und ästhetischen Korrektheit ausgestopft sind. 

BZ Berlin

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