Mittwoch, 6. November 1996

"Don Juan oder Der Steinerne Gast" im Maxim-Gorki-Theater

Spaniens Gitarren erklingen, schwarzgekleidete Señoritas schmachten, dann wird zum Stampfen des Flamencos gefächert, was die Bühnenluft hergibt - die Regisseurin Katharina Thalbach beschwört mit Macht eine schwül-ironische Atmosphäre südländischer Sinnlichkeit herauf. In diesem Treibhaus soll Molières "Don Juan" gedeihen - der größte Verführer der Theatergeschichte, die "sexuelle Großmacht" (Brecht), der Inbegriff adeliger Genußsucht, der Mann, der so leicht entflammt, daß der Händedruck eines toten genügt, um ihn im Höllenfeuer verglühen zu lassen.
 
Michael Maertens ist Don Juan. Dieser Schauspieler ist hier schon oft gepriesen worden. Aber diesmal werden ihm nicht viel mehr als virtuose komödiantische Mätzchen abverlangt. Auch Till Weinheimer als sein Diener Scagnarell entlockt dem Herr-Knecht-Verhältnis nicht mehr humoristische Möglichkeiten als vermutlich schon Molière selbst bei der Uraufführung 1665 zur Verfügung standen.

Das alles ist höchst unterhaltsam und bunt, hat Tempo wie immer bei Katharina Thalbach. Die Direktheit, die nie den kurzen Weg zum schnellen Gag und zur schlichten Erkenntnis scheut, ist ihre Stärke. Aber in ihrem Vorwärtsdrang trampelt Thalbach diesmal über alle Untiefen des Stückes hinweg. Sie kann nicht stillhalten, die Figuren mal zehn Sekunden in Ruhe lassen. Nur ein, zweimal darf Maertens etwas von der Tragik des Don fühlbar machen: Etwa, wenn Don Juan einen Bettler mit Geld zur Gotteslästerung verleiten will oder wenn er, selbst mit einem Bein in der Hölle, sich noch an seinen Stolz klammert.

So erleben wir im Bühnenbild von Momme Röhrbein, das aussieht wie ein puffiges Schlafzimmergemälde über einer verschmuddelten Flokati-Couch, einen hochamüsanten Untergang: Herr Juan und sein Knecht Sganarell haben ja auch etwas tief brechtisches. Dem Knecht muß das ganze Leben Lüge werden. Stolz kann sich nur der Herr leisten, und das macht seinen erotischen Glanz aus. Im Brimborium der Inszenierung verschwindet dieses Körnchen Wahrheit wie zwischen den Flusen eines Teppichs.


BZ Berlin

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