Samstag, 21. Dezember 1996

"Torquato Tasso" im Deutschen Theater

Künstler sind eine Seuche. Und Dichter sind die Pest. Sie lungern herum und benehmen sich asozial. Sie trampeln in jedes Fettnäpfchen und erwarten auch noch, daß man sie dafür liebt. Wehe, wenn sie nicht genügend Geld, Zeit und Lorbeerkränze bekommen - dann jammern sie den Weibern 'was vor und klagen die Politiker an. Und das Schlimmste: Man kann nie sicher sein, daß ihr unverständliches Gewürge nicht doch genial ist und ihr Name noch gepriesen wird, wenn die Grabsteine von uns Zeitgenossen schon unter Taubenkot verwittern.

Kein Wunder also, daß der brave Apparatschik Antonio (Guntram Brattia) einmal in seinem Leben die Contenance verliert und den Dichter Tasso (Götz Schubert) mit verbalen Giftpfeilen dort verletzt, wo es wirklich weh tut: Beim Stolz auf sein Werk. Der Neid des Bürgers auf den Künstler und der Verfolgungswahn des schöpferischen Menschen - das ist der ewig aktuelle Kern, den Alexander Lang mit seiner Inszenierung von Goethes "Torquato Tasso" (geschrieben 1788/89 nach leidvollen Erfahrungen am Weimarer Hof) sucht.

Und dieser Tasso ist wahrhaftig ein Ausbund an Unerträglichkeit. Ein Turbo-Kleist. Ein Mega-Einar-Schleef. Zwischen der schönen Herzogin (Sophie von Kessel), der Gräfin Sanvitale (doppelzüngig komisch: Claudia Geisler) und dem unter der Amtslast stelzenden Herzog (Kay Schulze) rasen seine Ansprüche schallschnell hin und her und knallen ständig gegen die Stangen seines goldenen Käfigs. Götz Schubert spielt ihn rasend und virtuos. Aber das Tragische streift er nur bei den stillen Zwischenlandungen diese Blindfluges durch die weiten Gefilde der Schubertschen Kunstfertigkeit.

Erlaubt hat ihm Lang dieses Aufdrehen wahrscheinlich, weil Tasso sich hier von Anfang an auf einer Reise in den Wahnsinn befindet. "Ich fasse dich mit beiden Armen an", sagt er am Ende offensichtlich umnachtet zu Antonio, der längst fortgegangen ist. Der Himmel über dem leicht surrealistischen Toscana-Idyll à la Max Ernst verdüstert sich. Und Tasso wird mit einem Tuch bedeckt wie ein nervtötender Vogel, der sich müde gesungen hat. 

BZ Berlin

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