Samstag, 13. September 1997

"Die Maßnahme" im Berliner Ensemble

Mehr als 40 Jahre lang war Bertolt Brechts Stück „Die Maßnahme“ verboten. Und zumindest um die Musik, die Hanns Eisler dazu schrieb, war es all die Jahre jammerschade. Eindrucksvoll und mit der Wucht eines religiösen Oratoriums erklangen gestern abend wieder Eislers Chorpassagen im Berliner Ensemble. Sie haben nichts an Frische verloren, seitdem sie das erste Mal 1930 bei der Uraufführung, gesungen vom „Arbeiterchor Groß-Berlin“, erklangen.

Mit Brechts Stück sieht das allerdings ganz anders aus. Er selbst verbot einige Jahre vor seinem Tode jede weitere Aufführung. Überraschend hat Brechts Tochter und Erbin Barbara Schall dem Berliner Ensemble vor einigen Monaten erlaubt, die „Maßnahme“ wieder zu spielen. Und so wie sich in „Jurassic Park“ aus einer Mücke, die Millionen Jahre lang in Bernstein eingeschlossen war, die ganze Tierwelt der Saurierzeit - bis hin zum T. Rex - rekonstruieren läßt, so kann man aus der jahrzehntelang weggesperrten „Maßnahme“ die Entstehungsgeschichte der großen blutigen politischen Irrtümer unseres Jahrhunderts ablesen. Nicht nur die des Kommunismus.

Als Brecht die „Maßnahme“ schrieb war er 32 und betrieb den Kommunismus als ein intellektuelles Spiel - wie viele seiner Zeitgenossen. Es muß ihn gereizt haben, dieses Spiel zumindest in Gedanken einmal bis zur letzten Konsequenz zu spielen. Er konnte wohl nicht ahnen, daß einige Jahre später, die Wirklichkeit noch viel konsequenter und grausamer sein würde.

„Die Maßnahme“ ist die geradezu prophetische Vorwegnahme der stalinistischen Schauprozesse im Moskau der 30er Jahre. Ein junger Kommunist ist von seinen Genossen erschossen worden, weil er durch spontanes menschliches Mitleid die Aktionen der Partei gefährdet hat. Am Ende bringen sie ihn noch dazu, seinen eigenen Tod zu bejahen.

Die Schauspieler Mira Partecke, Georg Bonn, Achmed Bürger und Thomas Wendrich spielen das dezent und erinnern doch einfach durch ihre Jugend daran, daß es immer Kinder und Jugendliche waren, die am bedenkenlosesten wüteten, wenn Diktatoren die Hunde des Terrors von der Leine ließen. Egal, ob das die Hitlerjugend oder Maos Rote Brigaden waren.

Regisseur Klaus Emmerich hat den Prozeß, bei dem sich die jungen Kommnunisten vor einem Parteitribunal rechtfertigen, nüchtern, fast bürokratisch inszeniert. Auf einer schwarzen Bühne, mit schwarz und weiß gekleideten Musikern und Schauspielern, die sich nicht allzuviel bewegen. Der Text ist so ungeheuerlich, daß jede grobe Komik eine Verharmlosung wäre. Emmerich führte so behutsam Regie als würde er mit weißen Stoffhandschuhen in einer Hightechfabrik hochempfindliche Computerchips herstellen. Ironie verabreicht er nur in kleinen Dosen, etwa wenn einer der jungen Schauspieler manchmal stottert wie der leibhaftige Einar Schleef. Oder wenn einige der schmissigsten Agitproplieder von einem dekadenten Salontenor vorgetragen werden. Der Schauspieler Götz Schulte entpuppte sich da als ernsthafte Konkurrenz für Max Raabe.

Die Musik, immer wieder die Musik und sie allein macht die Aufführung zum Genuß. Das Kammerensemble Neue Musik, dirigiert von Roland Kluttig, läßt sie vorwärts drängen, jubilieren, drohen, scherzen und verführen. Und doch erschlägt sie einen nie so sehr, daß man nicht mehr die absurde, bitterböse Tragik des Geschehens erfassen würde. Während dort oben auf der Bühne ein junger Mann erschossen und in einer Kalkgrube versenkt wird, wissen wir im Publikum längst, daß die Ideologie, für die er starb, ein gigantisches Weltreich der Verkommenheit errichtet hat, daß am Ende platzte wie eine Seifenblase. Insofern funktioniert das kommunistische Lehrstück noch heute: Jeder, der glaubt, es gäbe irgendetwas, wofür es sich zu sterben lohnt, sollte sich „Die Maßnahme“ eine Lehre sein lassen. 

BZ Berlin

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