Dienstag, 23. September 1997

"Die Nase" im Maxim Gorki Theater

Die Nase eines Mannes ist immer viel mehr gewesen als nur eine bizarre Fleischknolle, die von der Evolution geformt wurde, um den Geruchssinn zu polstern. Die Nase ist der Sitz der männlichen Würde: Wer die Würde verliert, trägt die Nase nicht mehr so hoch. Sie ist aber auch geheimnisvoll mit dem Trieb verbunden, der die Würde immer wieder gefährdet; der Volksmund erinnert daran, daß sich die Nase des Mannes auf seinen Johannes reimt. Davon - und nicht nur davon - handelt Nikolai Gogols absurde Novelle „Die Nase“. 140 Jahre nachdem der große russische Dichter sie schrieb, hat der Brite Alistair Beaton ein Theaterstück aus der Geschichte gemacht. Und das Maxim Gorki Theater bewies - wie so oft in den letzten Jahren - eine feine Nase, als es sich die Rechte für die deutsche Erstaufführung sicherte.

Hier kommt dem Kollegialassesor Kowaljow (Hansjürgen Hürrig) nicht nur die Fähigkeit zum Riechen abhanden, als er eines Morgens ohne Nase aufwacht. Das ganze Gleichgewicht seiner angenehm überflüssigen mittleren Bürokratenexistenz ist gestört. Seine sieben Jahre währende Dauerverlobung droht, in die Brüche zu gehen. Und der Diener Nestor läßt sich bald durch keinerlei pompöse Wichtigtuerei mehr davon abhalten, den seit Wochen überfälligen Lohn zu fordern.

Die Nase (Frank Seppeler) dagegen, einmal selbständig geworden, macht rasch Karriere. Sie ist jung, kaltschnäuzig und potent. Schon wenige Tage nach der Wiedergeburt im Brötchen eines kleinen Schmuddelbarbiers ist das freie Organ zum Staatsrat aufgestiegen. Es demütigt seinen ehemaligen Träger mit zynischen Sprüchen. Und mit seinem Johannes beglückt es Opernsängerinnen, Nonnen und Damen von Stand überall - wenn‘s sein muß auch in einer Kirche.

Ein böses Märchen also. Für Regisseur Mark Zurmühle, seine Kostümbildnerin Petra Staß und den Bühnenbildner Hansjörg Hartung wieder einmal Anlaß, jenen bunten, phantasievollen, manchmal etwas putzigen Ausstattungsstil zu pflegen, der in den letzten Jahren zu einem herausragenden Merkmal des Hauses Unter den Linden geworden ist. Egal, ob im „Hauptmann von Köpenick“, im „Drachen“, im „Don Juan“ oder jetzt in „Die Nase“. Die Puppenspielerin und -gestalterin Melanie Sowa läßt Nasen in allen Größen aufmarschieren. Und mit der Beleuchtung, mit kreiselnden Drehbühnen, mit Rauch, phantasievollen Kostümen und spritzendem Wasser werden allerhand magische Miniaturen geschaffen Nicht nur, weil‘s draußen schon kalt wird, hat man das wehmütige Gefühl, wieder in einem Weihnachtsmärchen zu sitzen. Wie damals, vor Jahrzehnten, als das Theater noch ein Geheimnis war. Bei kindlichen Gemütern wie mir bringt das erst mal Pluspunkte.

Doch auch wir Kindsköpfe werden bald zappelig, wenn sich die vielen liebevollen Kleinigkeiten nicht zu einem großen Ganzen fügen. Auftritt reiht sich an Auftritt. Sowohl Klaus Manchen als zuckersüchtiger und geldgieriger Inspektor Goljanski, als auch Monika Lennartz als Schwiegermutter in spe, Frau Podtochin, ziehen schauspielerische Glanznummern ab. Und Hansjürgen Hürrig ist sowieso einer der tollwütigsten Darsteller abgründiger Kleinbürger in Berlin.

Aber das ganze läuft so vor sich hin. Ohne die rhythmische Leichtigkeit, die eine Märchenkomödie benötigt, um etwas länger und intensiver zu behexen. Und ohne jene Spannung, die die eigentlich schreckliche Geschichte bräuchte, um neugierig zu machen, welcher Schrecken, dem armen Kowaljow als nächstes droht. Im Verlaufe der knapp zwei Stunden gähnt man häufiger mal. Aber man gähnt dem Anlaß angemessen höflich - durch die Nase.

BZ Berlin

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