Donnerstag, 11. September 1997

"Drei Schwestern" in der Volksbühne

Vergessen, vergessen - was haben sie nicht alles vergessen, die Figuren in Tschechows Tragödie „Drei Schwestern“ „Ich erinnere mich nicht an Sie!“ sagt Mascha bei der Wiederbegegnung nach Jahren zu Werschinin. „Ich habe etwas gewußt, vor 25 Jahren, aber jetzt erinnere ich mich an nichts mehr“, verflucht sich Tschebutykin. „Alles vergesse ich, jeden Tag vergesse ich etwas, und das Leben vergeht und kommt nie wieder, nie,nie werden wir nach Moskau fahren“, weint Irina. Allein aus dem, was Tschechows Figuren vergessen haben, hätten andere Autoren ein umfangreiches Werk schmieden können.

Christoph Marthaler hat jetzt in der Berliner Volksbühne die „Drei Schwestern“ als vierstündige Symphonie des Vergessens inszeniert. Marthaler gilt als Meister der gedehnten Zeit; das hat ihm den Ruf eingebracht, ein Edellangweiler und eine Schlafmütze zu sein - doch selten ist ein Vorurteil so eindrucksvoll widerlegt worden wie hier. Marthaler ist eigentlich der perfekte Regisseur für die Spaß-Generation. Ständig passiert bei ihm etwas auf der Bühne. Doch hier explodieren keine Autos - hier explodieren Blicke, winzige Gesten, kleine rhythmische Veränderungen im geordneten theatralischen Lauf der Dinge.

„Drei Schwestern“ ist eines jener Ereignisse, das die verschobenen Maßstäbe wider gerade rückt. Neben der Präzision und geistigen Durchdringung, die diese Arbeit auszeichnet, wirken hundert andere Inszenierungen wie stümperhaftes Gestocher in den Untiefen des Textes. Diese Genauigkeit erreicht sonst allenfalls noch Einar Schleef. Doch wo der große Wahnsinnige seine Spieler mit preußischem Drill schleift, schafft Marthaler das mit sanfter Verführung. Wie Jacques Offenbach komponiert er mit leichter Hand, fast beiläufig. Er kann so gelassen sein, weil er genau weiß, was er will. Passend, daß Marthaler als nächstes an der Volksbühne Offenbachs Operette „Pariser Leben“ inszenieren wird.

Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist verdammt, sie zu wiederholen, lautet eine politische Trivialweisheit. Der Stillstand der drei Schwester Mascha (Susanne Düllmann), Olga (Heide Kipp) und Irina (Olivia Grigolli) wurzelt im Vergessen. Das Landhaus, das Bühnenbildnerin Anna Viebrock realen, nachsozialistisch verkommenen Gebäuden in Ost-Polen nachempfunden hat, ist ein Altersheim der schweifenden Illusionen. Die Figuren leiden an existentiellem Alzheimer. Sehnsüchte steigen auf als Melodien - wenn die Schwester von Moskau schwärmen singen sie ein französisches Vaudeville-Lied. Nie war so klar, warum Andrej (Ueli Jäggi) ständig Geigen repariert: Mit der Musik ist dem Betrogenen die Fähigkeit zum Träumen abhanden gekommen.

Wünsche artikulieren sich über tänzerische Bewegungen - und strafen die resignierende Zurückhaltung der Sprache Lügen. Der Cha Cha Cha, den Ferapont (Ulrich Voß) und Andrej tanzen, wird jedem der Augen hatte, um zu sehen, ebenso als unvergeßlicher wehmütig-komischer Tschechow-Moment in Erinnerung bleiben, wie der zuckende Tanz des Widerstandes von Susanne Düllmann, als sie zu ihrem ungeliebten Gatten Kulygin zurückkehrt als Blick in einen klaffenden Seelen-Abgrund.

In diesem Ganzen, in dem jede Nuance mit einer anderen, die zwei Stunden vorher aufschien, zu korrespondieren scheint, wird jede kleine Rolle zur ????

So wie Peter Zadek in den 60er und 70er Jahren mit seinen revolutionären Inszenierungen William Shakespeare die Hamlet-Strumpfhose ausgezogen hat, so zieht Christoph Marthaler Tschechow endlich den weißen Leinenanzug aus. Nackt bis auf die Seele stehen die Figuren nun da. Ihre Hoffnungslosigkeit ist nicht mehr die ferne Hoffnungslosigkeit einer untergehenden Kaste im Rußland des 19. Jahrhunderts, sondern sie ist ganz von heute. Augenblicke des Glücks gibt es nur in der Sinnlichkeit, doch die ist natürlich der allerabsurdeste Teil des Lebens - das bemäntelt hier kein Balalaikageklingel und Samowarplätschern mehr. Gegen diesen Entkleidungsakt wird sich sich Widerstand regen. Auch die Theatergeschichte muß man manchmal über Leichen gehen - zum Glück sind es nur die Leichen längst erledigter Klischees, die Marthaler mit seinen „Drei Schwestern“ ganz sanft niedergestreckt hat. 

Braunschweiger Zeitung

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