Donnerstag, 18. Dezember 1997

"The Unseen Hand" in der Volksbühne

1968 - das Jahr, in dem die Dreharbeiten zu „Butch Cassidy und Sundance Kid“ begannen und „2001: Odyssee im Weltraum“ ins Kino kam. Das Jahr, in dem die Hippies von der Prärie und von fernen Galaxien träumten. Die Revolutionen in Berlin, Berkeley und Paris waren verloren, Eskapismus machte sich breit. 1968 schrieb Sam Shepard „The Unseen Hand“ und ließ drei Cowboys von den Toten bzw. Scheintoten auferstehen, um eine unterdrückte Rasse auf einem fernen Planeten zu erlösen. Es war, als hätten „Blade Runner“-Autor Philip K. Dick und der Westernschriftsteller Zane Grey gemeinsam einen LSD-Trip geworfen.

Jürgen Kruse hat „The Unseen Hand“ jetzt in der Berliner Volksbühne inszeniert. Zehn Jahre nach seiner Regie bei der deutschen Erstaufführung 1987 in der Schaubühne. Diesmal als Parabel über das Ende des Jahrhunderts, an dem die einst weltbestimmenden Gegensätze von Amerikanismus und Kommunismus vergessen sind wie die Antagonisten, die sich auf den staubigen Straßen von Tombstone oder Abilene zum Showdown trafen. Der Bote der Außerirdischen landet mit dem Trabbi und irgendwann befreit er sich ganz einfach selbst.

Kruse, sonst Hausregisseur am Schauspielhaus Bochum, ist ein Magier der Düsternis und der Langsamkeit. Er arbeitet mit Lichtstimmungen, Wortassoziationen, schönem Kitsch und einem feinen Gespinst von Rock-Zitaten. Für Musikfans: Es ist ein bißchen wie Triphop fürs Theater. Doch magische Ruhe stellt sich trotz zum Teil hervorragender Schauspieler (vor allem der mittlerweile vielgefragte Volksbühnen-Star Herbert Fritsch als Blue Morphan) nur selten ein. Und wenn, dann fühlt sich das durchs Mitmachtheater von Christoph Schlingensief verdorbene Publikum aufgefordert, dazwischen zu quatschen.

Vom geisterhaften Schrottplatz in der Wüste, den ihm sein Bühnenbildner Stefan Mayer gebaut hat, wollte Kruse ins Traumland der Spacecowboys reiten. Dorthin würde ihm wohl jedes fühlende Herz bedingungslos folgen. Doch leider sind seine Mustangs auf halbem Wege in der dürren Steppe des Theateralltags verdurstet. 

BZ Berlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen