Samstag, 17. Januar 1998

"Shoppen & Ficken" in der DT-Baracke

Die sexuelle Revolution durchbohrt ihre Kinder: Am Ende von "Shoppen & Ficken" wird der Strichjunge Gary (André Szymanski) von seinem Lover Mark (Thomas Bading) quälend realistisch erstochen. Gary hat sich das gewünscht - vielleicht, weil diese mörderische Erotik die einzige ist, die nicht billig auf dem Markt gehandelt wird.

Mark Ravenhills Erfolgsstück begleitet vier junge Verlierer in London. "Shoppen & Ficken" statt Love & Peace. In den 90ern ist sogar der Körper nur ein McJob, eine Gelegenheit, schnelles, trostloses Geld zu verdienen. Die Farce ist kaum mehr als eine Reihe realistischer Beobachtungen aus dem Kasperletheater der Liebe und der grausamen Seifenoper der Metropolen. Aber was für ein Spielanlaß für Regisseur Thomas Ostermeier und seine Schauspieler-Crew!

Bernd Stempel als bürokratischer Großdealer Brian - ein Vertreter jener Elterngeneration, die die Welt zum Alptraum gemacht hat, aber die Nachkommenden auch noch mit weisen Sprüchen nervt. Sein kapitalistischer Zauberspruch "Geld ist Zivilisation" verwandelt die drei Überlebenden in Zombies.

Zuvor ist Jule Böwe als Lulu nicht nur rührend authentisch, sie singt auch noch drei tolle TripHop-Songs von Jörg Gollasch mit herzbrechend dünnem Stimmchen. André Szymanskis Gary zeigt eine coole Maske mit Rissen. Bruno Cathomas' Robbie ist ein verzweifelter Clown. Und Thomas Bading (Mark) ist schon wieder ein Schauspieler, der auf großen Bühnen immer blaß blieb und der nun bei Ostermeier endlich durchbricht.

Etwas weniger Slapstick hätte die Aufführung nicht schlechter gemacht. Aber wer wird denn so pervers sein, ein Unternehmen wegen seines Reichtums an Ideen und Spielfreude zu kritisieren?

BZ Berlin

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