Mittwoch, 11. März 1998

"Schmutzige Hände" in der Volksbühne

Affig ging es nur vor der Premiere zu. Sechs Tage verspätet konnte Frank Castorf seine Version von "Schmutzige Hände" zeigen, weil ein Rhesusäffchen Hauptdarstellerin Kathrin Angerer bei den Proben in die Hand gebissen hatte. Dafür war das Ergebnis der Proben so weit entfernt von jedwedem Affentheater wie selten zuvor eine Castorf-Inszenierung. Ganz entspannt und ohne den üblichen Ehrgeiz, ein Stück vollständig auseinanderzunehmen, um sein Innenleben zu verstehen, läßt der Volksbühnen-Intendant Jean-Paul Sartres Text über weite Strecken fast vom Blatt spielen.

Soweit das eben noch als "vom Blatt" gespielt durchgeht, wenn der junge Revolutionär Hugo (Matthias Matschke) in einen riesigen Dampfkochtopf klettert, um seine Reise in die Erinnerung anzutreten. Oder wenn Hugo und die beiden erfreulich Pat-und-Patachon-haften Leibwächter (Milan Peschel, Pavel Straka) des Parteiführers Hoederer (Henry Hübchen) jedesmal, wenn sie sich streiten, zu serbischer Popmusik relaxte
eitstänze aufführen. Gewiß Geschmackssache - aber ich könnte bei diesen Castorfschen Tanzeinlagen immer stundenlang zusehen. Zumal, wenn ein Schauspieler sich so bewegt wie Matthias Matschke. "Ich kann auch tanzen", schreit er. Yeah!

Sartres Stück um einen Mord im Milieu kommunistischer Untergrundkämpfer spielt 1945 in einem Balkanstaat. Castorf läßt alle Psychologie, alle Vater-Sohn-Konflikte zwischen Hoederer und Hugo, alle Eifersuchtsdramen wischen Hugos Ehefrau (Kathrin Angerer) und der Genossin Olga (Silvia Rieger) sowie alles moralische Pathos relativ ungebrochen. Doch er schlägt die Brücke vom alten Balkan zum modernen Serbien und seinem Schwanken zwischen Größen- und Verfolgungswahn. Wenn dann Olga oder Hugo die Greuel-Berichte bosnischer Opfer rezitieren, ist das ein Seiltanz zwischen Anklage, Kitsch und Komik - das Pathos der Wirklichkeit läßt sich eben nicht so leicht bändigen.


 BZ Berlin

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