Dienstag, 21. April 1998

"Jeffers-Akt I und II " im Hebbel-Theater

Der amerikanische Dichter Robinson Jeffers war ein Feind der Moderne. Er zog sich mit seiner Frau in einen einsamen Turm am Meer zurück und schleuderte von dort zornig poetische Blitze gegen die großen Städte, den Fortschritt und die Demokratie. Das ist ein Mann nach dem Geschmack von Botho Strauß. Auch der bedeutendste westdeutsche Theaterdichter der letzten 30 Jahre gefällt sich seit Jahren in der Rolle des Propheten, der vor der unweigerlichen Verflachung aller menschlichen Größe in der modernen Konsumdemokratie warnt. Nun feiert Strauß den vermeintlichen Geistesbruder in seinem neuesten Stück „Jeffers-Akt I und II“, das gestern abend im Hebbel-Theater uraufgeführt wurde. Das Ganze ist eine Koproduktion mit der Schaubühne.

Im ersten Teil spielen Bruno Ganz und Edith Clever Jeffers und dessen Frau Una. Die beiden haben mit der Schaubühne genau wie Botho Strauß einst Theatergeschichte geschrieben. Aber das ist lange her. Bewegungslos und fast ohne irgendeine erkennbare Art von schauspielerischer Aktion rezitieren sie zwei Monologe, in denen das Leben des Dichters Jeffers geschildert wird. Vor allem Edith Clever legt schon nach wenigen Sätzen ein unerträgliches Pathos auf. Allein, die Art, wie sie das harmlose Wort „Raaddio“ betont, macht schon alles zunichte. Dieses Theater ist wie ein pompöses Schloß, das nur aus Marmor und Säulen besteht - ganz und gar für die Ewigkeit gebaut, aber ohne jedes Leben darin. Das Bühnenbild mit ein paar dekorativen Steinen, einem Spiegel und einem Tisch sieht auf eine so protzige Weise bescheiden aus die Inneneinrichtung einer weitläufigen teuren Altbauwohnung. Und unfreiwillig komisch ist der Text, weil man spürt, wie sehr sich Botho Strauß mit Jeffers identifiziert. Aber Jeffers war ein echter Einsiedler. Botho Strauß hat, wie man weiß, eine wohlbehütete Luxuseinsamkeit in Brandenburg gewählt. Die Großstadt Berlin und das KadeWe liegen immer in Reichweite eines Mittelklassewagens.

Der zweite Teil des Abend ist dann ein wildes Drama von Eifersucht, Sex, Mord und Wahnsinn, das Strauß nach dem langen Gedicht „Mara“ von Jeffers geschrieben hat. Aber wie hier die urwüchsigen Leidenschaften beschworen werden, das ist so angestrengt und pathetisch, daß man ständig die geschwollenen Stirnadern der Schauspieler zu sehen meint. Und als Regisseurin leistet Edith Clever ihren künstlerischen Offenbarungseid. Es ist alles so unbeholfen und so unfreiwillig komisch. Man weiß gar nicht wo man anfangen soll: Vielleicht damit, wie grauenvoll schlecht Corinna Kirchhoff einmal eine Betrunkene spielt. Oder mit dem ständig schwarzen Bühnenhintergrund, der wahrscheinlich das alles verschlingende Nichts andeuten soll. Furchtbar der Auftritt von Roland Schäfer mit nacktem Oberkörper und Brusttoupet. Furchtbar auch die absolut unerotischen Versuche von Karoline Eichhorn, wilde animalische Treibe und Verzweiflung zu mimen. Lächerlich die sackförmigen Priesterkutten von Inge Keller und Werner Dissel, die ihnen die Weihe einer griechischen Tragödie verleihen sollen. Schauerlich die ganz und gar unglaubwürdige Figur, die Bruno Ganz als Cowboy mit Jeans und einem Sattel in der Hand macht. Das alles wird zu einem Ozean von Peinlichkeiten, der all diese großen Schauspieler verschlingt, bis wirklich nichts mehr von ihrer Kunst zu sehen ist.

Als nach drei Stunden endlich das Ende kommt, hat man nicht einmal mehr Mitleid mit ihnen. Denn ihre Eitelkeit hat sie blind gemacht. Erfahrene Leute wie Edith Clever oder Bruno Ganz hätten sehen müssen was passiert. Aber sie wollten es nicht sehen. Sie wollten den Castorfs und den Schlingensiefs und all den anderen Theatermachern der 90er Jahre noch mal richtig zeigen, was eine Harke ist. Doch sie haben nur ihren eigenen Ruf beschädigt.

Das einzige Gute an dieser Katastrophe: Sie schafft reinen Tisch für die Zukunft. Wenn der junge Regisseur Thomas Ostermeier tatsächlich im Jahre 2000 Schaubühnen-Chef werden sollte, muß er nicht mehr mit dem Mythos einer großen Vergangenheit kämpfen. Der Mythos ist gestern abend von den Legenden der Schaubühne selbst zu Grabe getragen worden.

BZ Berlin

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