Samstag, 18. April 1998

"Sekretärinnen" im Schiller-Theater

Für Begriffsstutzige: Der schöne Markus Schenkenberg, der seit Wochen auf allen Plakatwänden Berlins Frauen und Schwulen den Kopf verdreht, spielt nicht mit im Musical "Sekretärinnen". Wenn Claudia Schiffer auf dem Otto-Katalog lächelt, heißt das ja auch nicht, daß man die Blondine ins Haus bestellen kann.

Aber auch ohne das wohlgeformte Model ist der Liederabend ein Hit. Statt Muskeln ist Musike drin. Je unbekannter die Darsteller, desto besser singen sie. Unter den neun "Sekretärinnen", die in einem Großraumbüro mit alten Schreibmaschinen ihre Sehnsüchte besingen, haben Katharina Blaschke und Masha Karell die begnadetsten Stimmbänder. Und sogar der Bürobote (Harald Pilar von Pilchau), den die Damen meist quälen und mißachten, überzeugt als Eros-Ramazotti-Verschnitt.

Andere Darsteller hat Regisseur Günther Gerstner wohl eher gecastet, weil sie interessante Typen sind. Ausgerechnet Zazie de Paris singt "Eine Frau wird nicht als Frau geboren" - sie muß es wissen. Und Irm Hermann kann zwar noch weniger singen - aber wenn sie "Satisfaction" flüstert wie ein spätes Mädchen, das die Angst vor der Dunkelheit vertreiben will, wird die verkniffenste Zicke des Büros ganz weich.

Höhepunkt: Katharina Blaschke als Mauerblümchen, dessen Träume auf den sieben Weltmeeren segeln. Als sie mit opernhaftem Pathos "Ein Schiff wird kommen" singt, geht auf einer Leinwand im Hintergrund die "Titanic" unter. Das wird dieser ersten deutschen Eigenproduktion von Schiller-Chef Wolfgang Bocksch vermutlich nicht passieren. Ein Musical-Luxusliner für die Weltmeere zwischen Broadway und Westend ist "Sekretärinnen" zwar noch nicht, aber ein schnittiger kleiner Berliner Unterhaltungsdampfer allemal. Obwohl sich hinter mir ein abgehalfterter Fernsehspieler die Ehre gab, zwei Stunden lang dröhnend vor sich hin zu schwadronieren, habe ich mich amüsiert. Wenn die Aufführung diesen Härtetest besteht, kann sie so schlecht nicht gewesen sein. 

BZ Berlin

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