Samstag, 2. Mai 1998

"Der Fall Furtwängler" im Schlosspark-Theater

Nichts ist gefährlicher als ein Ignorant mit einer Mission: So einer wie der amerikanische Major Steve Arnold (Marcello de Nardo), der in „Der Fall Furtwängler“ den berühmten Dirigenten der Berliner Philharmoniker für den Entnazifizierungsausschuß verhören muß. Das Verhör fand 1946 tatsächlich genauso statt - gegenüber dem Steglitzer Schloßpark-Theater. Dort hat Intendant Heribert Sasse Harwoods Stück inszeniert.

Ein vermeintlicher Vorteil wird zum Handicap: Dank der Bemühungen des Maskenbildners sieht Hauptdarsteller Erich Schleyer Furtwängler so ähnlich, daß es schon an Lächerlichkeit grenzt. Und gegen die drohende Komik schützt er sich durch ein besonders gravitätisch weihevolles Spiel.

Furtwängler ist bei Harwood ein Hohepriester der Kunst, der mit Politik nie etwas zu tun gehabt haben will. Noch ein Ignorant mit einer Mission. Denn natürlich war er kulturelles Aushängeschild Hitlers. Doch endlich muß sogar der in aufrichtigem Nazi-Haß entbrannte Major Arnold vor der Tatsache kapitulieren, daß es zwischen Schuld und Unschuld eine weite Grauzone gibt.

Doch trotz einiger Seitenhiebe auf das doppelte NSDAP-Mitglied Karajan und Künstler, die mit den Kommunisten paktieren, bleibt „Der Fall Furtwängler“ braver Theater-Schulfunk. Regisseur Sasses Küchen-Realismus mit US-Fahnen, Cola-Paletten, Vogelgezwitscher und aufgeklebten Glatzen läßt der Phantasie des Zuschauers keinen Raum. 

BZ Berlin

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