Montag, 25. Mai 1998

"Die Berliner Ermittlung" im Hebbel-Theater


Der Schrecken von Auschwitz kann mit den Methoden des guten alten Mitmach-Theaters nicht bewältigt werden - auch wenn es sich heutzutage als "interaktives Theater" verkauft. Esther und Jochen Gerz scheitern im Hebbel-Theater mit dem großen Anspruch ihres Projektes "Die Berliner Ermittlung". Eine Stunde lang lesen Zuschauer und Schauspieler, viele davon Laien, den Text des Auschwitz-Oratoriums "Die Ermittlung" von Peter Weiss. Dazwischen werden Zuschauer auf die Bühne gebeten, wo sie in Fotoalben aus Dachau blättern dürfen.

Die knappen Momentaufnahmen des Grauens von Peter Weiss klangen so heruntergeleiert nur unerträglich banal. Die Art und Weise, wie die Zuschauer nach Männern und Frauen sortiert wurden, sollte wohl an die Selektion in Auschwitz erinnern. Doch die einzigen, die dieses Projekt wirklich ernst nahmen, waren diejenigen, die sich benutzt fühlten und dagegen protestierten. Zuviel der Ehre. Es war nur ein Spiel. Es gab keine Gewinner und keine Verlierer. Außer vielleicht denjenigen, die sich hinterher fragten, was das Ganze eigentlich sollte.

BZ Berlin

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