Samstag, 16. Mai 1998

"Fin de partie" vom Burgtheater Wien

Die große Kunst erwies sich als haltbar - sogar im Angesicht des Irrsinns: Als mitten in der Stille plötzlich ein Irrer bei der Nachmittagsvorstellung vom Burgtheater-Gastspiel "Fin de Partie" die Bühne stürmte, hielten Gert Voss und Ignaz Kirchner stand und schafften es, nicht einmal aus der Rolle zu fallen. Voss fragt Kirchner nur: "Hast du den bestellt?" Worauf der Irre glücklicherweise wieder abzischte. Es handelte sich um den Mann, der Berlin seit Wochen mit der Behauptung nervt, er sei ein unehelicher Sohn von Bertolt Brecht.

Ein bißchen leichter fiel Voss und Kirchner die lockere Reaktion wohl, weil George Taboris Inszenierung von Samuel Becketts Stück sowieso mit der Illusion spielt, wir würden nur einer Probe zuschauen. Das Traum-Duo des deutschsprachigen Theaters kommt auf die riesige leere Bühne der Freien Volksbühne. Man diskutiert über den Text, pflaumt sich an und pflegt Eitelkeiten. Das ist gleichzeitig eine Parodie auf Schauspielerallüren, ein Nachdenken über Beckett-Spielweisen und die Summe einer Jahrzehnte währenden Freundschaft.

Irgendwann beginnt fast unmerklich das tatsächliche Beckett-Stück. Und das wird zum konzentrierten Schauspielerfest, bei dem Voss und Kirchner virtuos die Schwebe zwischen tastender Proben-Spielerei und echter Versenkung hielten. Das Publikum feierte gern mit und spendete am Ende fast 10 Minuten stehend Applaus für Tabori und seine beiden Stars. 

BZ Berlin

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