Samstag, 6. Juni 1998

"Die Ähnlichen" im Theater an der Josefstadt Wien

Von den Stränden des mythischen Griechenlands ("Ithaka") und von den Dichterpriestern Amerikas ("Jeffers-Akt I & II") ist Botho Strauß heimgekehrt in die Gegenwart. Sein neues Stück "Die Ähnlichen" handelt die Welt ab, in der Begriffe wie "Tourismusmesse" verstanden werden oder in der man sich Informationen aus dem "Netz downloaden" kann. Mag die Heimkehr auch in der Kunst geglückt sein, im wirklichen Leben scheint sie ferner denn je: Strauß-Uraufführungen finden schon lange nicht mehr in der Berliner Schaubühne, dem einstigen Stammhaus des Poeten und Dramaturgen, statt.


Nach Jahren des Exils in Salzburg hat das ehemalige Schaubühnen-Personal jetzt Obdach in Wien gefunden. Ausgerechnet im "Theater in der Josefstadt", sonst eher 2. Liga, inszenierte Peter Stein "Die Ähnlichen" mit einer Kernmannschaft aus Berlin. Wie die Aristokraten des Ancien Regimes, die es nach der Französischen Revolution an deutsche Provinzfürstenhöfe verschlug, wo sie sich zelebrierten, als wären sie immer noch in Versailles. Jutta Lampe und Dörte Lyssewski spielten Hauptrollen, Moidele Bickel schuf die Kostüme und Botho Strauß selbst stritt sich auf den Proben produktiv mit Peter Stein.


Das hat der Aufführung nicht nur gut getan. Die nach wie vor staunenswerte Perfektion des Regisseurs und das skrupulöse Beharren des Dichters auf seinem Text führten dazu, daß vieles an diesem dreieinhalbstündigen Abend überdeutlich und mal zu breit, mal zu fein ausgepinselt wurde. So wenn sich die Brüder Christoph Seegast/Ost (Daniel Friedrich) und Christian Seegast/West (August Zirner) ums Erbe und um eine Nutte streiten. Da stehen sie sich wie zu einer Art Distanzboxkampf gegenüber. Wenn dann Dörte Lyssewski auch noch gekleidet ist, wie sich die älteren Herrschaften vom Kurfürstendamm eine junge Hure vorstellen, dann bewahrt selbst große Schauspielkunst das Ganze nicht vorm Abgleiten in unangenehme kabarettistische Eindeutigkeit.


"Die Ähnlichen" ist eine Folge von Szenen aus dem Leben einer Mittelschicht mit "technischer Geistigkeit", der Strauß schon in seinem letzten Prosaband "Die Fehler des Kopisten" unterstellte, daß sie nur noch "menschenähnlich" sei. In der Wiener Fassung wurde das ergänzt um eine Szene aus dem ebenfalls neuen Stück "Der Kuß des Vergessens" und eine zusätzliche Szene: "Wrongful Life". Aber auch wenn hier die 90er Jahre mit dem klassischen deutschen Sagenpersonal (eine betrogene Hexe reißt einem Mann das Herz heraus, der Teufel tritt auf) zusammenprallen: Es sind immer noch die vertrauten Botho-Strauß-Menschen wie in "Kalldewey, Farce" oder "Groß und Klein". Und nicht nur weil die Szenenwechsel von einem schicken jungen Saxophonspieler wie aus der Haargel-Reklame überbrückt werden, fühlt man sich wie in den Vorwende-80ern, deren Sorgen wir heute manchmal gerne wieder hätten.


Getrübt wurde das Glück von den recht unterschiedlichen schauspielerischen Leistungen. Weil kein "Spannungsbogen" auch das Mittelmaß über die 210 Minuten trägt, wird's vor allem wenn das solide Stammpersonal des josefstädtischen Theaters, die Bühne beherrscht, eher "fad" - um mal im Wiener Jargon zu bleiben. Dörte Lyssewski, die noch den prätentiösesten Mumpitz erfrischend zerspielt, kann nicht alles retten. Wirklich großartig sind Jutta Lampe und Robert Hunger-Bühler, die in der Szene "Halbentschlossenheit" ein still-komisches dekadentes Duo des vergeblichen erotischen Begehrens aufführen. Jutta Lampe nach so vielen Ausflügen ins theatralische Ikebana ("Madame de Sade", "Der Hausbesuch" in der Schaubühne) mal wieder in einer angemessenen Veranstaltung - allein dafür lohnt schon die Reise nach Wien.


BZ Berlin

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