Sonntag, 16. April 2000

"Aller Seelen" im Thalia-Theater Hamburg

Ganz kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als Intendant des Hamburger Thalia-Theaters hat sich Jürgen Flimm noch einen lang gehegten Herzenswunsch erfüllt: Er holte für die Uraufführung von Werner Fritschs „Aller Seelen“ ausgerechnet die sympathische alte Krawallschachtel Johann Kresnik ins Haus, auf dass dieser in allen Blut- und Spermagewittern erfahrene Steuermann das Thalia-Schiff noch einmal in bisher unbekannte, wild und provozierend wogende Kunstgewässer steuere.

Was auf den flüchtigen Blick anmutet wie eine absurde Mesalliance, vergleichbar einer Hochzeit zwischen Zlatko und Ingeborg Bachmann, ist erstens die Feier einer langen Freundschaft: Flimm und Kresnik mögen sich seit ihren gemeinsamen jungen 68er-Tagen in Köln; ein Gastspiel im Thalia war bisher nur deshalb tabu, weil Kresnik in Hamburg ein paar Blöcke weiter ans Schauspielhaus dauerhaft gebunden war. Zweitens funktioniert es prächtig. Es ist als sei Kresnik nach langen Irrwegen endlich wieder in einem ihm gemäßen Hafen angekommen: Seine größten Erfolge hatte der Regisseur und Choreograph schließlich immer, wenn er seinen gefühlskommunistischen Furor in bürgerlichen Gemischtwarenläden austobte – beispielsweise in Bremen oder Heidelberg. Seine Haltung, letzter noch blühender Spross des guten alten Abonnentenschreck-Theaters, braucht den Bürger als Gegenüber – und wo sollte der noch zu finden sein, wenn nicht am Thalia?

An der Berliner Volksbühne, wo er seit Jahren seinen Heimathafen hat, sah Kresnik zuletzt oft alt aus bei seinen Bemühungen, ganzkörpergepiercte Jungspunde zu rühren. Das Stück von Werner Fritsch (der Kresnik auch schon das Libretto zu „Gründgens“ schrieb) erzählt aus der Perspektive eines greisen Kindes (Joachim Konrad) von den Verwirrungen einer österreichischen Bauerngemeinschaft, die nie weiß, ob sie sich vor den Nazis oder den ebenso regelmäßig auftauchenden Partisanen ducken soll. Beim Bemühen, zu überleben und gleichzeitig einen Rest Würde zu wahren scheitert der Vater (Michael Altmann) – er wird erschossen von der SS- Personifikation Geigenbauer (Helmut Zhuber). Hier verbindet eine lebensgeschichtliche Wurzel den Pfälzer und den Kärntner: Kresniks Vater wurde vor den Augen des damals Dreijährigen von slowenischen Partisanen erschossen, Fritschs Großvater 1945 ermordet, als befreite KZ-Häftlinge dessen Bauernhof plünderten. Kresnik, der sich so oft an den Lebensläufen ferner Berühmtheiten abgearbeitet hat („Jünger“, „Frida Kahlo“), scheint im 61. Lebensjahr die eigene Biographie als Droge und Reizmittel zu entdecken, hat er doch kurz zuvor in Berlin mit „Don Quixote“ auch sein Leben als letzter roter Horrorhampelmann reflektiert.

Die aus pfälzischer Mundart destillierten Sprachbilder Fritschs spiegelt der Regisseur in Ekeltableaus einer karnevalistisch aufgekratzten Albtraumrevue – ein paar entblößte Gemächte haben die Thalia-Verwantwortlichen unnötigerweise bewogen, das Stück erst ab 18 freizugeben. Gleich im Foyer empfangen den Besucher salatwiederkäuende Schauspieler, Blut fließt literweise, KZ-Häftlinge werden in Erdbeermarmelade ertränkt, Zehen mit der Zange abgerissen. Doch wirken die vertrauten Kresnik-Tricks frisch, weil die Ratlosigkeit darüber, wie Menschen dies alles einander antun können, auch nach mehr als 30 Jahren noch ganz authentisch ist. Dazwischen gibt es im klaustrophobischen Holzkäfigbühnenbild Martin Zehetgrubers auch bisher ungesehene Visionen: Der Felsregen, der auf die Häftlinge im Steinbruch niedersplittert, der Monolog einer rätselhaften Quasimodogestalt kopfüber unter dem Thalia-Bühnenhimmel.

 Das Totem in dieser Geisterbeschwörung ist der Gartenzwerg. Gartenzwergmützen tragen die Mörder ebenso wie ihre Opfer, einmal wird ein riesiger grinsender Gnom auf die Bühne gehievt, dessen Bauch die Akteure entsteigen. Der Gartenzwerg ist hier kein freundlicher Wichtel, sondern ein Dämon, der aus der deutschen Erde sprießt, die vergessene und verdrängte Leichen birgt.

Spiegel Online

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