Dienstag, 30. Mai 2000

"Verratenes Volk" am Deutschen Theater

Zur Ouvertüre einer Schleef-Inszenierung gehört der Krach um Geld und Technik genauso wie Premierenverschiebungen und Schauspieler, die vor dem perfektionistischen Terror des Monomanen zittern. So war es auch im Berliner Deutschen Theater, wo Schleef am Montagabend ein verwirrtes Publikum auf eine lange Reise in die Nacht der deutschen Novemberrevolution von 1918 entführte.

"Verratenes Volk" hat der 56-Jährige aus Texten von Milton, Nietzsche, dem Roman "Armee hinter Stacheldraht" des völkischen Autors Edwin Erich Dwinger und Alfred Döblins "November 1918" kompiliert. Aber natürlich ist alles vor allem Schleef. Er hat die Kraft, sich sogar einen Nietzsche-Text anzueignen, als wär's ein Stück von ihm. Eine Stunde fast donnert und flüstert er - eingesprungen für einen geflüchteten Schauspieler - ganz allein mit einem Glas Wasser die schon vom Wahnsinn verdüsterten Monologe des Hammerphilosophen aus "Ecce homo".

Dieser Furor lässt sich auch nicht von höheren Mächten zähmen: Als ein Blitz in ein nahes Umspannwerk einschlug und die Lichtanlage verrückt spielte, irritierte das den Schleef-Nietzsche nur kurz. Gott ist vielleicht nicht tot - aber selbst er konnte seinen vermessenen Knecht dort auf der Bühne nicht stoppen.

In dieser wahrscheinlich aufwendigsten Sprechtheaterproduktion des Jahres gibt es natürlich wieder gewaltige Chöre. Es gibt Momente, in denen sich Verzweiflung und Witz abgründig verstricken. Etwa wenn Rosa Luxemburg (einzigartig: Jutta Hoffmann) halbwahnsinnig im Gefängnis einer proletarisch verschlagenen Kalfaktorin (Nina Hoss) gesteht, ihr toter Geliebter ergreife gelegentlich Besitz von ihr.

Und es leuchten überwältigende Bilder: Wenn etwa Hoffmann-Luxemburg in der Rüstung einer deutschen Jeanne d'Arc mit Stahlhelm müde hinter der roten Fahne hertrottend ihr Schwert auf dem Boden schleifen lässt, klingt es wie die Totenglocke für die Revolution und die Revolutionärin.

Die Schwäche dieser großen und schönen Gewalttat ist jedoch der Text. Zuviel Geschichtsbuchgefasel und allzu detaillierte Ausmalungen des luxemburgischen Wahnsinns beweisen, dass Schleef keine Textvorlagen von Rolf Hochhuth - wie einst bei "Wessis in Weimar" - braucht, um geschwätzig zu werden. Nach fünfeinviertel Stunden stellten sich schließlich auch beim wohlwollendsten Zuschauer Ermüdungserscheinungen ein. 

Spiegel Online

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