Freitag, 6. Juni 2003

"Mutter Courage" im Deutschen Theater

Peter Zadek hat im Deutschen Theater weniger das Stück „Mutter Courage und ihre Kinder “ inszeniert als seine eigenen sentimentalen Erinnerungen an das Gastspiel des Berliner Ensembles 1956 in London. Der Rundhorizont, das Licht im Zuschauerraum, die Szenentitel, die Jutta Wachowiak aus der Proszeniumsloge herab spricht und erst recht die längst zum Klischee gewordene Gardine – all das sieht aus, wie sich Klein-Theaterfritzchen eine Inszenierung nach dem Modellbuch vorstellt. Nostalgisch sind sogar die Helmformen der Parteien im Dreißigjährigen Krieg: Die Protestanten tragen den flachen Tommy-Helm der Engländer, die Katholiken den Kopfschutz der Franzosen aus den Weltkriegen. 

Weil aber auch Zadek nicht entgangen ist, dass sich seit der deutschen Erstaufführung 1949, ebenfalls im Deutschen Theater mit Helene Weigel, die Welt und die Kunst verändert haben, übernahm er nur solche Äußerlichkeiten des Brecht-Theaters und ignorierte den Kern desselben umso herzlicher: Von gestischen Spielweisen und der intellektuellen Verführungskraft des Originals, die Zadek in seinen Memoiren lobt, ist hier nichts mehr zu erkennen. Das ist auch gut so, denn die klassischen Auftritte Weigels und Therese Giehses als Couragen sind nur noch in der Erinnerung erträglich. Genau wie die Katzenmusik Paul Dessaus, die heute – zumal wenn sie so schlecht gesungen wird wie in Berlin – absolute Ohrenfolter ist, hatte dies alles einst einen Sinn, weil es gegen einen schlampig-sentimentalen oder spätexpressionistischen Theaterzeitgeist gerichtet war. 

Im Jahre 2003 wollte Zadek mit der zigeunerhaft schönen Angela Winkler, die bei ihm tatsächlich über das zweite Gesicht verfügt, zu einem neuen Courage-Verständnis gelangen. Doch in den Museumsrequisiten wirken sie und ihre (bis auf Judith Strößenreuter als Stumme Katrin) meist unfassbar schlechten Nebenleute so unpassend wie die Köpfe, die man früher auf Rummelplätzen durch gemalte Dekorationen steckte, um sich für ein Juxfoto als Flieger oder Cowboy ablichten zu lassen.

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