Montag, 20. Juni 2005

"Geschichten aus dem Wiener Wald" im Deutschen Theater



In "Geschichten aus dem Wiener Wald" sind Relikte von gesunkenem Kulturgut eingekapselt wie versteinerte Schalentiere im Kalk. Die Kleinbürger führen Worte aus dem höheren Bildungsreservoir ständig im Munde, als müßten sie sich ihrer gefährdeten Zugehörigkeit zur Mittelschicht versichern. Hier sagt die Kanzleiobersekretärswitwe "Also das ist der Chimborasso!", hier lobt der Rittmeister "First class!", und hier protzt der Puppendoktor Zauberkönig mit seinem schmalspurigen Asterix-Latein. Genauso unterschiedslos verschmelzen Walzer, Gassenhauer und Volkslieder mit Chopin und Puccini zum Soundtrack des spießigen Seelenkitschs. Deshalb läßt der Regisseur Dimiter Gotscheff den Text im Deutschen Theater gliedern durch Ausbrüche einer Kakophonie (Komposition: Bert Wrede), die klingt, als würden alle von Horváth zitierten Lieder gleichzeitig gespielt. Das Chaos schwillt an und ab, und bei Bedarf schält sich eine wiedererkennbare Melodie heraus.

So wie mit der Musik geht Gotscheff mit aller Scheinfolklore des Textes um. Er entfleischt sie wie das Skelett im Zauberkönigsladen. Statt Donauufer, Ladenzeile und Landleben draußen in der Wachau erscheint im Bühnenbild von Jens Kilian ein leerer Rundhorizont, vor dem die Schauspieler erstaunlich viel mit Stühlen als Requisiten anfangen. Nur die vier Musiker, die in einer Gondel hoch über der Bühne hängen, erinnern an die "Realschülerin im zweiten Stock", die die Gasse mit ihrem Klavierspiel beschallt.

Die mit Mikroports ausgerüsteten Sprecher begreifen den Text nicht als in Dialekt, sondern als Kunstsprache. Fast am Ende, wenn sich die Rivalen Oskar und Alfred versöhnen, verfallen Peter Jordan und Sebastian Blomberg kurz in eine Parodie des Wienerischen - wie um zu zeigen, daß sie das auch drauf gehabt hätten.

Ödön von Horváths Stück handelt von Marianne, die ihren Verlobten verläßt, den Metzger von nebenan. Vielleicht weil sie sich an die mütterliche Warnung erinnert, Männern, die mit Bonbons locken, nicht zu trauen - die anderen stürzen sich hier auf Oskars Süßigkeiten wie die Tauben aufs Futter. Marianne wirft sich dem Ex-Gigolo Alfred an den Hals, verliert ihr Kind und wird schließlich in die Kleinbürgerhölle zurückgezwungen.

"Geschichten aus dem Wiener Wald" ist genau hier, im Deutschen Theater, 1931 von Max Reinhardt uraufgeführt worden. Es war damals ein Zeitstück, durch das ein Nazi aus Deutschland geistert. Jetzt ist es wieder ein Stück zur Zeit: Die Alten jammern, wie schwer sie es gehabt haben, aber sie sind durch Pensiönchen, Staatsposten und Ersparnisse versorgt, während die zukunftslosen Jungen sich kaum Besseres vorstellen können als eine Karriere in der Dienstleistungsbranche als "Rennplatzkapazität" oder Expertin für "rhythmische Gymnastik". In der Zeitung steht, daß es im Ausland trotz Krise besser geht. Und Alfred sagt: "So ohne Kinder hört man eigentlich auf: Man setzt sich nicht fort und stirbt aus." Es ist wie in einem Leitartikel von heute, die Aufführung muß es nicht unnötig betonen. Nur das prosperierende Frankreich, nach dem Alfred auswandern will, wird durchs zeitgemäßere "China" ersetzt.

Dimiter Gotscheff sind zuletzt in Berlin mit Müllers "Germania. Stücke" und Tschechows "Iwanow" zwei überraschende Altersgeniestreiche geglückt. Dadurch ist der Regisseur in Mode gekommen, und Fritzi Haberlandt, die Vielgefeierte vom Hamburger Thalia-Theater, hat ihn sich für den ersten Großauftritt in ihrer Geburtsstadt ausgesucht. Sie haben nun beide nicht gehalten, was der frische Ruhm versprach, ohne ihn doch gleich wieder zu zerstören.

Gotscheff beginnt mit einem Familienbild, und immer wieder werden die Stühle zu solchen Momentaufnahmen der Herrschaftsverhältnisse zusammengerückt. Danach zerspringt die Aufführung gleich wieder in einzelne Exaltiertheiten, mit denen Konflikte und Empfindungen "übersetzt" werden sollen. Das gelingt naturgemäß um so besser, je einfacher die Figuren schon vom Autor gestrickt sind: Beim Schlachtergehilfen Havlitschek (Jürgen Huth), der sich vom Fräulein (Lotte Ohm) die Füße massieren läßt. Oder beim Jungnazi, den Martin Bauer ganz als "großes Kind" spielt. Einmal singt er das Lied "Der morgige Tag ist mein", das im Film "Cabaret" bedrohlich süß von einem Knaben angestimmt wurde. Fast wird er einem so sympathisch wie Horst Lebinsky als trauriger Rittmeister, ohne Glück im Spiel, in der Liebe, im Krieg und im Frieden. Dagegen läßt Margit Bendokat als kindermordende Großmutter zwar beeindruckend ihre Kettensägenstimme erklingen, doch bleibt sie immer nur gleich schreckenerregend.

Christian Grashof schließlich als Zauberkönig tut diesem fürchterlichen Vater virtuos Unrecht. Er bleibt eine Fratze, wird kein tragischer Charakter, dessen Beharren auf der Konvention mit dem naiven Freiheitswillen der Tochter zusammenkracht. Dieser Marianne leiht Fritzi Haberlandt all ihren grandiosen Trotz. Doch wird man das Gefühl nicht los, daß sie jetzt einmal zu oft eine dieser Opferfrauen gespielt hat, ohne die es das deutschsprachige Drama fast nicht gäbe.

Die Welt

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen