Freitag, 26. Januar 2007

"De Frau" in der Volksbühne

Merkwürdig, dass zwei so unterschiedliche deutsche Malerstars wie Neo Rauch und Jonathan Meese beide sichtbar fasziniert sind von der Französischen Revolution. In den allerneuesten Bildern Rauchs tauchen dauernd Guillotinen auf, und man sieht einen Mann, der Jean-Pierre Léaud ähnelt , als er in Godards "Weekend" den jakobinischen Todesengel Saint-Just spielte.

Saint-Just geistert jetzt auch als Figur und Zeichen durch Meeses Theaterabend "De Frau" in der Berliner Volksbühne und obendrein lässt der Künstler einen seiner Spielkameraden verkünden: "Wir fordern die Aufnahme der französischen Revolutionsstatuten ins Grundgesetz." Man muss das nicht überinterpretieren. Die Französische Revolution sah einfach am besten aus: Die Jakobiner hatte alle lange Haare, trugen enge Hosen und Rüschenhemden - wie Rockstars aus den Sechzigern. Davon profitierte ja einst auch die Inszenierung "Die Sache Danton" des Volksbühnen-Hausherrn Frank Castorf.

Viel mehr hat Meeses "De Frau" sowieso mit Kindergeburtstag, Topfschlagen und Karneval zu tun. Unterstützt von Volksbühnen-Spitzenkräften wie Bernhard Schütz und Kathrin Angerer gebärdet sich Meese selbst als zentrale Figur eines großen zweistündigen Suppenkasperletheaters: Einmal ruft er eine gefühlte halbe Stunde lang immer wieder Jahreszahlen.

Und auch sonst wiederholt er endlos Versatzstücke seiner Privatmythologie, die sich im trivialen Korpus der James-Bond-Filme ebenso bedient wie im Allerhöchstkultur-Werk des Dichters Ezra Pound: Eine riesige Gipsfigur hat drei Brustwarzen wie der von Christopher Lee gespielte Bond-Schurke Scaramanga, und wenn Meese - neben vielen anderen Lieblingsplatten - auch Udo Jürgens’ "Griechischer Wein" spielen lässt, dann ist das irgendwie eine kindliche Replik auf Pounds Idee, der italienische Faschismus wäre die Wiederkehr der Antike.

"Dr. Poundaddylein" ist der auch im Untertitel genannte Held dieses chaotischen von keinerlei Erzählung strukturierten Abends. Am Ende hängen so genannte "Eiserne Jungfrauen" von der Decke, in die man im Mittelalter die Ketzer sperrte. Das ist eine Anspielung auf die berühmteste Literaturanekdote des 20. Jahrhunderts, die besagt, dass die Amerikaner Pound in einem Käfig hielten, nachdem sie ihren abtrünnigen Landsmann 1945 in Italien gefangen hatten.

Wie alle Theateranfänger ist auch Meese ganz fasziniert vom Riesenspielzeug der Drehbühne. Genau wie einst, als Christoph Schlingensief erstmals inszenierte, rotiert sie ständig. So hat man eine gute Aussicht, auf das Bühnenbild mit den lustigen Meese-Objekten und auf die schönen Kostüme.

Die Erinnerung an Schlingensief oder Marthaler mag es auch gewesen sein, die den zuletzt eher konservative Positionen verkündenden Castorf bewogen hat, Meese die Bühne und sein Ensemble zu überlassen. Von Zeit zu Zeit versucht das Theater ja, mit Hilfe solcher Außenseiter, sich von seinen Spielregeln zu befreien. Zwar ging das damals beim Filmregisseur Schlingensief und beim Musiker Marthaler gut.

Doch beim Maler Meese kommt nicht mehr dabei heraus, als ein charmanter Versuch, die Happenings der sechziger Jahre zu beschwören. Dabei ist "De Frau" als Happening eigentlich viel zu sehr durchsetzt mit literarisch-historischen Anspielungen. Und für die 20fache Wiederholung im Repertoire ist der Abend sowieso denkbar ungeeignet. Wenn erst mal nicht mehr - wie bei der Premiere - der ganze Zuschauerraum mit augenzwinkernd einverständigen Kunst- und Theaterleuten gefüllt ist, wird vom Charme des amoklaufenden Kindskopfes Meese endgültig nur noch Langeweile über die Rampe kommen. Dann ist es kein sympathischer Quatsch mehr, sondern bloß noch Quatsch.

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