Freitag, 7. März 2008

"Maria Stuart" im Düsseldorfer Schauspielhaus

Der Schweizer Regisseur Stefan Bachmann arbeitet sich schon seit einigen Jahren am Katholizismus ab. Bisher bediente er sich dafür der Stücke des Franzosen Paul Claudel, dessen "Der seidene Schuh" und "Die Gottlosen" er in Basel und Berlin inszenierte. Man muss dahinter kein Paulus-Erlebnis vermuten, sondern vielleicht nur die Entdeckung, dass der Katholizismus eine ausgesprochen theaterkompatible Religion ist.

Nun setzt Bachmann seinen Flirt mit dem Katholischen fort, und diesmal ist im Düsseldorfer Schauspielhaus sein Medium Schillers "Maria Stuart". Dieses knallige Stück ist ja nicht nur mit allen Wassern des ganz großen Zickenterrors und Intrigenstadels gewaschen, sondern es ist auch getränkt mit religiöser Romantik. Der junge Mortimer, bei dem Glaubenseifer und sexuelles Begehren unscharf ineinander übergehen, ist darin eine männliche Jungfrau von Orléans. Und in der Szene, wo Maria Stuarts Haushofmeister Melvil sich als heimlicher Priester entpuppt, der der Todgeweihten die katholische Beichte abnimmt, zeigt Schiller sein ganzes Können als Verfasser gruseltrivialer Versteck- und Verkleidungsszenen. Beide Eiferer spielt in Düsseldorf übrigens dieselbe Person: Michele Cuciuffo. Das geht, weil Mortimer schon nach dem zweiten Drittel des Stückes der Hals umgedreht wurde. Es hat aber auch eine Logik, weil die Figuren sich so ähnlich sind.

Maria Stuart (Melanie Kretschmann) wird gleich zu Beginn von ihrem Kerkermeister Paulet (Pierre Siegenthaler) aufs Peinlichste durchsucht - nicht mehr in Geheimschubladen sucht das Wachpersonal nach heimlichen Briefen, sondern in Körperöffnungen. Wie ein Gespenst ist sie auch immer anwesend, wenn am Hofe zu London ihre Kontrahentin Elisabeth (Olivia Grigolli) mit ihren Ratgebern über Leben und Tod der Schottenkönigin verhandelt.

Elisabeth lässt sich von ihrem Favoriten Leicester verlocken, Maria einmal persönlich zu begegnen. Sebastian Blomberg spielt diesen Leicester als heimlichen Asthmatiker, dessen verknotet-verkniffener Körper das undurchschaubare Netz seiner Komplotte abbildet. Elisabeth geht ihm einmal gedankenverloren an die Wäsche, aber sie lässt sich nicht von ihrer Leidenschaft überwältigen, sondern es ist mehr eine das Nachdenken fördernde Entspannungserotik wie zwischen einem männlichen Topmanager und einem Callgirl.

Für die Begegnung der Königinnen wird die Bühne von Arbeitern auf offener Szene mit Rollrasen übergrünt. Das nasse Gras, auf dem Maria halbnackt herumtollt, symbolisiert ihre kurze Hoffnung auf Freiheit. Doch je näher ihr Tod rückt, desto mehr überwuchert Holzparkett das Grün. Ihre Hinrichtung inszeniert Maria als großen Auftritt: Sie, die vorher immer im Unterhemdchen die schutzlose Unschuld gab, wirft sich nun in ein rotes Staatskleid. Spätestens da wird klar, dass sich diese beiden Königinnen mindestens genauso mit den Mitteln des Theaters bekämpfen wie mit denen der Politik. Diese Gleichsetzung von Theater und Politik ist ja durchaus im Sinne Schillers. Denn mit Verstellung arbeiten alle auf dem Intrigenparkett des Londoner Hofes: Durch einen Akt großartigen Schmierentragödientums rettet Leicester seinen Hals, als Burleigh (Rainer Galke) ihn vor der Königin des Verrats beschuldigt. Und mit all ihrer durchtriebenen Darstellungskunst versucht Elisabeth immer wieder Handlanger dazu zu bringen, ihr die Bluttat an Maria abzunehmen.

Diese stark auf zweieinhalb Stunden zusammengestrichene "Maria Stuart" überzeugt mehr durch die Stärke der Schauspieler als durch aufdringliche Regiemätzchen (die Gefahr droht bei Bachmann immer). Man mag einiges bekritteln: Warum etwa muss der Gesandte des Pariser Hofes diesen dämlichen pseudofranzösischen Comedy-Akzent sprechen? Aber im Ganzen ist dies doch eine konzentrierte Aufführung, die die zuletzt arg rufschädigenden Gerüchte über das Düsseldorfer Schauspielhaus unter der Intendanz von Amelie Niermeyer aufs Schönste dementiert.

Die Welt

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen