Freitag, 15. Mai 2009

"Iphigenie auf Tauris" in der Schaubühne

Als Goethes "Iphigenie" am 6. April 1779 in Weimar uraufgeführt wurde, spielte der noch nicht dreißigjährige Dichter selbst den Orest. Der berühmte Arzt Christian Wilhelm Hufeland schrieb später in seinen Memoiren: "Man glaubte Apoll zu sehen. Noch nie erblickte man solche Vereinigung physischer und geistiger Vollkommenheit und Schönheit in einem Manne als damals an Goethe." Bedenkt man, dass Orest der jüngere Bruder von Iphigenie ist, der noch ein Kind war, als jene von der Göttin Diana in eine Wolke gehüllt und in ferne Barbarenlande entführt wurde, dann erscheint es doch als wagemutig, die Rolle in der Berliner Schaubühne jetzt mit Ernst Stötzner zu besetzen: Der beneidenswert fitte 57-jährige ist möglicherweise der älteste Orest aller Zeiten.

Auch sonst muss man in der Inszenierung des neuen Schaubühnen-Hausregisseurs Jossi Wieler das Land der Goethe-Griechen mit den Augen suchen: Dass die Iphigenie Judith Engel ihre Girlie-Kostüme zu Turnschuhen trägt, hat ja noch eine gewisse Logik. Denn schließlich war sie ein Mädchen, als es sie ins Reich des Skythen-Königs Thoas (Burghart Klaußner) verschlug, und seitdem hat sie ihre Garderobe nicht mehr in den Boutiquen ihrer fernen griechischen Heimat ergänzen können. Auch der Gang von Judith Engel (gerne mit Händen in den Taschen) verrät, dass diese Iphigenie seit ihrer Pubertät keine Haltungsratschläge von Erwachsenen mehr bekommen hat. Warum allerdings ihr Verehrer Thoas in eine Art Salon-Cowboy-Montur (ohne Hut) gesteckt wurde, als wolle er Iphigenie nicht zur Ehe sondern zum Squaredance auffordern, das wissen die Götter.

Wir ahnen es natürlich auch. Einerseits wird hier zwar der Goethe-Text unangetastet präsentiert wie eine Kostbarkeit im Silbergefäß, andererseits sollen trotzdem die Figuren aufs normale Banalmaß des Theateralltags reduziert werden. Dabei helfen die Kostüme ebenso wie Requisiten und Marotten: Thoas hat im fünften Aufzug ein Butterbrot in der Hand, das er auf den Boden wirft wie ein Schüler, der zum Nachsitzen verdonnert wurde, und sein Freund Arkas (Thomas Bading) zupft während eines Dialogs mit Iphigenie so ausdauernd am Bühnenrasen herum, als sei dies ein Bewerbungsgespräch für den Posten des Groundskeepers in Wimbledon.

Die schräg abschüssige Grasfläche von Bühnenbildner Jens Kilian soll den "Hain vor Dianens Tempel" symbolisieren, in dem Iphigenie als Priesterin Dienst tut. Weil die einzelnen rechteckigen Rollrasenstücke gut erkennbar sind, sieht es aber ein bisschen nach einem Fußballplatz aus. Oder nach einem abgelegenen Flughafen, in dem nie jemand landet. An letzteres erinnern auch die Geräusche von Düsenflugzeugen, die hin und wieder wie aus großer Höhe erklingen. Man kennt das aus Frank Castorfs "Dämonen"-Inszenierung 1999. Damals symbolisierte das Geräusch die bösen Nato-Bomber über Jugoslawien. Diesmal heftet sich Iphigenies Heimweh nach Griechenland an die Flieger.

Schließlich landen unverhofft ihr Bruder und dessen Freund Pylades (Urs Jucker) an der taurischen Küste. Die Erkennungsszene zwischen Orest und seiner Schwester gehört zu den stärkeren Momenten des gepflegt langweilig dahinsäuselnden Abends. Den Wahnsinn des von Furien gehetzten Muttermörders und seine Heilung in den Armen Iphigenies spielt Stötzner ohne Gefuchtel und Geschrei, gebändigt, aber bewegend. Als Iphigenie und Orest von Thoas Abschied nehmen, um nach Griechenland heimzukehren, ist der König schon ins Dunkel des Zuschauerraums geflohen. Von dort schleudert er ihnen sein verkniffen-trotziges "Lebt wohl!" hinterher – wie ein verlassener Liebhaber, dessen Ex gerade mit ihrem neuen Lover letzte Sachen aus der alten Wohnung geholt hat. Zuvor hat er sich Iphigenies Appelle an sein Herz und seine Herrschertugend so widerstrebend angehört wie nur irgendein Mann das nichts mehr rettende Beziehungsgeschwafel seiner einst Geliebten erträgt. Von den Idealen der Selbstüberwindung, der Zivilisation, des Rechts und der ansteckenden Güte bleibt nur ein Küchenpsychodrama.

So wie bei den Skythen früher Menschen geopfert wurden, bevor Iphigenie diesen Brauch abschaffte, muss an der Schaubühne offenbar alle zehn Jahre eine "Iphigenie" geopfert werden. Zuletzt hat hier 1998 Klaus Michael Grüber das Drama geschlachtet. In Erinnerung blieb Ulrich Wildgruber als Thoas im Fellmantel wie ein fetter Neandertaler. Er wurde von einem Regisseur, der längst sein Genie verschleudert hatte, der Lächerlichkeit preisgegeben.

Noch nicht ganz so entschieden ist das künstlerische Schicksal Jossi Wielers. Gerade begeisterte seine Münchner Jelinek-Uraufführung "Rechnitz" bei einem Gastspiel in Berlin. Und nun das! Wieler gilt als Spezialist für Gegenwartsdramen. Dieser Regisseur sieht groß aus, wenn er einem Text von Jelinek oder Händl Klaus gegenübersteht, aber im Angesicht eines Riesen wie Goethe schrumpft er zusammen.

Die Welt

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