Sonntag, 19. Dezember 2010

"Der Mann ohne Vergangenheit" im Deutschen Theater

Wenn die eigentlich ja total widerwärtige kulturelle Verirrung namens „Rauchen“ eines Tages gänzlich ausgerottet ist, wird eines doch fehlen: Die schöne friedensstiftende Geste des Sich-gegenseitig-eine-Zigarette-Anbietens. Sie wird von Wolfram Koch und Samuel Finzi in „Der Mann ohne Vergangenheit“, einem Theaterstück nach Aki Kaurismäkis gleichnamigem Film, mit allem gebotenen männlichen Ernst zelebriert. Koch spielt „M“, der nach einem Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis verloren hat. Er hat ein neues Leben angefangen, sich verliebt, nur um dann zu erfahren, dass er irgendwo im Norden Finnlands eine Familie hat. Dort angekommen erfährt er, dass seine Frau längst einen Neuen liebt. Den spielt Finzi, und seine Befürchtung, sie müssten sich jetzt ja wohl schlagen, löst sich nach den gemeinsamen Zigaretten rasch in Rauch auf.

Mit „Der Mann ohne Vergangenheit“ kehrt die nunmehr schon mindestens 15 Jahre währende Mode des Filmtheaters gewissermaßen an ihren Ausgangspunkt zurück. Denn mitbegründet hat sie Andreas Kriegenburg, als er Mitte der Neunzigerjahre in Hannover Aki Kaurismäkis Film „I Hired A Contract Killer“ auf die Bühne brachte. Heute ist Kriegenburg Oberspielleiter im Deutschen Theater und Intendant ist dort Ulrich Khuon, der schon in Hannover sein Chef war. Die beiden haben allen Grund, es immer mal wieder mit Kaurismäki zu versuchen.

Rätselhaft erscheint zunächst nur, was ausgerechnet Dimiter Gotscheff an dem Stoff und seinem Autor interessiert haben könnte. Gotscheff hat in den letzten Jahren fast ausschließlich als künstlerischer Nachlassverwalter seines Freundes Heiner Müller agiert und Dramen bzw. Übersetzungen inszeniert, die mehr oder weniger von Müller stammen. Allerdings hat der gebürtige Bulgare sich auch ein Herz für seine alte Heimat bewahrt: 2008 brachte er für die Berliner Festwochen „Das Pulverfass“ auf die Bühne, ein Stück, in dem die Seele des Balkans beschworen wurde.

Da liegt wohl das Verbindende: Finnland gilt als das osteuropäischste Land Nordeuropas. Eine Art Balkanstaat am Polarkreis, Kampfzone zwischen West und Ost, waldreich, bevölkert von Käuzen mit Seele. Die Filme Kaurismäkis haben das zuvor global eher uninteressante Finnland zu einem Darling der Kinowelt gemacht. Der bekennende Trinker bewies: Man kann sich nicht nur Frauen schön saufen, sondern auch Länder.

Tatsächlich unterscheiden sich die Figuren, die Gotscheff und sein Ensemble mit den Nöten der Armut, der Gewalt, des Alkoholismus und der Liebe ringen lassen, vordergründig wenig von den Balkan-Gestalten aus dem „Pulverfass“. Es sind schnauzbärtige Klischees, aber solche, die man lieben soll. Sie leben in einer Container-Siedlung am Stadtrand von Helsinki, die von der Bühnenbildnerin Katrin Brack mit Hilfe großer, bewohnbarer, viereckiger Plastiktragetaschen angedeutet wird. Sie singen gelegentlich alte Rock-n-Roll-Klassiker. Und obwohl sie Toten bedenkenlos die Schuhe klauen, sind sie doch gegenüber den Lebenden hilfreich und gut.

Genau da liegt ein weiterer Aspekt, der den Müllerianer Gotscheff angestachelt haben dürfte: Müllers legendärer Zynismus kam von Brecht, er hatte den Sarkasmus des Vorgängers nur konzentriert und destilliert. Kaurismäki ist aber ein Anti-Brecht. Ein mild berauschendes Gegengift zu allen Zynismen. Bei ihm macht Armut nicht gemein, sondern gut. Es liegt eine gewisse Frömmigkeit über diesem Stück: Man muss nehmen, was kommt, betonen seine Figuren ständig. Die Bösen wiederum sind hier nicht böse, weil die Gesellschaft sie dazu gemacht hat. Sondern es ist ihre Natur – wie bei den drei Verbrechern, die M zu Beginn mit einer Baseballkeule zusammenschlagen. Man erkennt ihre Bosheit schon an den Blumenkohlohren und am sadistischen Blick, die der von Samuel Finzi rezitierte Text des Drehbuchs detailfreudig beschreibt.

Auf der anderen Seite gibt es hier sogar gute Kapitalisten. Solche wie den Bankfilialleiter, der sich aufhängt, als seine Bank „nach Nordkorea“ verkauft wird. Wobei „Nordkorea“ nicht einfach ein billiger Lacher ist, sondern nur zeigt, wie egal das alles für die Leute am unteren Ende der kapitalistischen Nahrungskette ist. Fast eine Heiligengestalt ist der Bauunternehmer (Harald Baumgartner – wie alle mit typisch „finnischer“ Prolllanghaarmatte), der eine Bank überfällt, um seinen Arbeitern den nach seinem erzwungenen Bankrott schuldig gebliebenen Lohn auszahlen zu können. „Ich komme aus dem Norden, wir bezahlen unsere Schulden“ sagt er – was deutlich macht, wo der Unterschied zwischen Finnen und dem Balkan liegt.

Kaurismäki glaubt eben, anders als Brecht und Müller, dass es innerhalb der Trostlosigkeit der Systeme noch Entscheidungsmöglichkeiten zur Güte gibt. Man muss nicht so ein neurotisch-geldgeiles Schwein werden wie der Container-Vermieter (Michael Schweighöfer), der dafür zu Recht am Ende von seinem eigenen Hund (Andreas Döhler) pantomimisch bepinkelt wird.

Und es gibt sogar – wie zum Hohn auf Brechts gescheiterte „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ – eine Heilsarmeeoffizierin, der es tatsächlich gelingt, etwas Licht und Wärme in das Leben der Armen zu bringen. M verliebt sich logischerweise in sie. Sie wird gespielt von Almut Zilcher, die damit den Direktvergleich mit Kaurismäkis ewiger Anit-Diva Kati Outinen auf sich nimmt. Sie schneidet dabei sehr, sehr ehrenhaft ab.

Kati Outinen ist übrigens – wie alle Kaurismäki-Darsteller – eine große Theaterschauspielerin. Diese Aufführung von „Der Mann ohne Vergangenheit“ macht anschaulich, wie bühnenhaft die Filme des Finnen sind. Die Darsteller sind hier so virtuos wie immer bei dem Regisseur Gotscheff, aber viel entspannter. Man sieht ihnen gern zu, es gibt was zu lachen, man lernt etwas und hinterher kann man sich mit gnadenlosen Hardcore-Brechtianern darüber streiten, ob Kaurismäki nicht die gesellschaftlichen Widersprüche verkitscht.

Damit dürfte auch die Frage nach dem Sinn solcher Film-Dramatisierungen beantwortet sein. Theatergänger schauen sich ja schließlich oft mehrere Interpretationen eines Klassikers an und ziehen daraus Erkenntnisgewinn. Was macht es da für einen großen Unterschied, wenn der Stoff einmal als Film und einmal als Theaterstück inszeniert wird? Ohnehin soll man den Bekanntheitsgrad Kaurismäkis nicht überschätzen. Seine Filme werden selten von mehr als ein paar Hunderttausend Zuschauern gesehen. „Ach, das ist ein Finne?“ fragte ein Besucher im Foyer seinen Nachbarn. Er war, was Kaurismäki betrifft, ganz offensichtlich ein Mann ohne Vergangenheit.

1 Kommentar:

  1. Notiz an mich selbst: Dringend mal wieder die "Der Mann ohne Vergangenheit"-DVD rauskramen und nach der grandiosen Soundtrack-CD wühlen. Und falls das noch nicht reicht und/oder die Verzweiflung gross ist, dann geb' ich mir noch die "Leningrad Cowboys"...

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