Mittwoch, 31. Januar 1996

"Medeia" in der Schaubühne

Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle: Zehn Jahre lang hatte Edith Clever, einst Königin der Schaubühne (neben der Co-Monarchin Jutta Lampe, die aber in anderen Reichen der Schauspielkunst herrschte), sich aus Berlin zurückgezogen. Und wie das so geht: Ein kleines Häuflein besessener Royalisten verklärte die Ära Clever (1971-1984) zu einem Zeitalter, das güldener war als Gold. Dagegen klangen die Nachrichten aus dem Exil eher so, als sei die Königin etwas unzurechnungsfähig geworden: Der verdunkelte Mythensucher Hans Jürgen Syberberg war jahrelang der einzige, den sie in ihre Nähe ließ. Und ihre erste eigene Regie "Stella" für die "Szene Salzburg") ging so gnadenlos schief, daß das Debakel auch beim Heimspiel im Hebbel-Theater nicht zu übersehen war.

Und jetzt diese "Medeia"! Medeia ist eine wie Edith Clever - unfaßbar, außerhalb der Gesetze normaler Menschen oder Schauspieler stehend. Die Königstochter von Kolchis hat für Jason (männlich vollsaftig, ein antiker Macho im hodenbetonenden Lederdreß: Peter Simonischek) ihr Vaterland verraten. Als der geliebte Mann sie verlassen will, brennt sie eine der grausamsten Rachen der Theatergeschichte ab, mordet die Rivalin, den König und schlachtet zuletzt die eigenen Kinder.

Die Inszenierung - ebenfalls von Clever verantwortet: Formstreng, stilisiert, erschlagend durch die darstellerische Macht der Clever und ihrer Neben-Gestirne Simonischek und Elisabeth Orth (als Amme). Wenn sie schreit, reißt die Diva Abgründe auf. Wenn sie lügt ist sie ein vergiftetes Messer. Wenn sie leidet, leidet die Welt.

Wer so angestrengt und humorlos Kunst will, läuft größte Gefahr, eine Bauchlandung in der Lächerlichkeit zu erleiden. Es ist nicht eines der kleinsten Wunder dieses an Wundern reichen Abends (Der Chor! Die Musik von der Percussionistin Robyn Schulkowsky!), daß die ganze massive Theatralik nie in Komik umschlägt. So etwas hat es in Berlin seit Jahren nicht zu sehen gegeben. 

BZ Berlin

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