Montag, 21. Februar 2011

"Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder" im Deutschen Theater

Liederabende haben unter Theaterleuten einen etwas zweifelhaften Ruf. Einerseits sind alle Schauspieler immer ganz wild darauf zu singen, andererseits gelten solche Produktionen als mehr oder wenig plumpe Versuche, Dellen in der Einnahmenstatistik aufzufüllen. Vor allem dem Erfolgsintendanten Frank Baumbauer tratschten böse Vipernzungen immer nach, seine brillante Bilanz in Hamburg verdanke er weniger den anspruchsvollen Produktionen, mit denen seine Künstler Dauergäste beim Theatertreffen waren, als vielmehr den Liederabenden, die der unfehlbare Franz Wittenbrink ihm als Rückgrat des Repertoires geschmiedet hatte. Weil ein so kluger Regisseur wie Nicolas Stemann und sein Dramaturg Sebastian Blomberg natürlich all diese Vorbehalte gegen singende Schauspieler kennt, war von ihnen von vornherein nichts anderes zu erwarten als eine Art Anti-Liederabend, der das Muster solcher Veranstaltungen ständig in Frage stellt. Deswegen verließen bei „Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder“ im Deutschen Theater Berlin schon nach relativ kurzer Zeit die ersten Zuschauer den Saal – das muss man bei so einem vermeintlichen Kommerzkram erst mal hinkriegen.

Clevererweise hatte Stemann & Co eben diese Reaktionen schon in einem kleinen „Roman“ vorweggenommen, den die große Margit Bendokat (von Stemann immer in sehr respektvollem Ton mit „Frau Bendokat“ angesprochen) vortrug, bevor noch das erste Wort gesungen war. Die Erzählung handelt u. a. von Zuschauern, die vor so einem „Scheiß“ aus dem Theater fliehen und dann in der Kneipe mit ihren Kumpels darüber lamentieren, dass man ja schon „1962“ einmal „Nackte auf der Bühne“ gesehen habe und wegen dieser Tendenz schon „1356“ sein Abo gekündigt habe.

Die Lieder, die dann doch noch in einem Bühnenbild, das aussieht als hätte El Lissitzky eine Dekoration fürs Dschungelcamp entworfen (wie viele Camping-Zelte hat man eigentlich zuletzt auf der Theaterbühne gesehen?), vorgetragen werden, handeln alle vom plötzlichen Sinnverlust menschlichen Tuns. Die meisten haben Thomas Kürstner, Nicolas Stemann und Sebastian Vogel geschrieben. Eins stammt von der Band Britta. Eins von Funny van Dannen. Und eins von Roxy Music. Dieses „In Every Dreamhome a Heartache“ aus dem Jahre 1973 ist der großartigste Depressions-Popsong aller Zeiten, und der verliert rein gar nichts von seiner Macht und Schönheit, wenn er hier nicht von Bryan Ferry, sondern von dem Schauspieler Andreas Döhler vorgetragen wird.

Zwischen den Liedern (es sind übrigens mehr als zwölf) erzählt beispielsweise Maria Schrader die Geschichte eines Mannes aus Halle, der sein Kunststudium wegen grundsätzlicher Zweifel an der Sinnproduktion abbrach, nur um dann Jahrzehnte später mit einem banalen Gesangsauftritt bei YouTube für einen Tag zum Star zu werden. Daneben gibt es leider auch eine Reihe ziemlich blöder, naheliegender Scherze über die großen Aufhörer der vergangenen Jahre von Margot Käßmann bis Horst Köhler. Merke: Es ist komplett witzfrei, diesen Mann „Hotte“ zu nennen. Das ist so armselig wie einst die „Birne“-Witze über Kohl.

Zum Glück folgen darauf immer wieder schöne Reflektionen über den „Terror“ des Sinnzwangs im Theater. Am besten gelingt das bei einem Vergleich des Deutschen Theaters mit dem Friedrichstadtpalast. In dem Revuetheater ganz in der Nähe, so trägt ebenfalls Margit Bendokat vor, zahlten die Leute Eintritt, um u. a. Menschen zu sehen die „außergewöhnlich gut“ Trampolinspringen können. Im DT wollten sie eher sehen, was Autoren in ihren Stücken über die menschlichen Probleme der Trampolinspringer abseits der Manege fantasieren würden. Die Schauspieler müssten dann so tun als wären sie Trampolinspringer, dabei könnten sie doch gar nicht Trampolinspringen – jedenfalls nicht außergewöhnlich gut.

Regisseur Stemann ist bei all dem übrigens ständig anwesend und beteiligt sich auch als Gitarrist und Sänger. Seine Auftritt bei der vom ihm inszenierten Jelinek-Uraufführung „Die Kontrakte des Kaufmanns“ 2009 scheint ihn auf den Geschmack gebracht zu haben. Es gibt ja bekanntlich auch Regisseure, die niemals eine Bühne betreten, nicht mal, wenn sie bei einer Probe den Schauspielern etwas erklären wollen. Da Stemann genauso wie der Schauspieler Felix Goeser einen geschorenen Charakterkopf trägt, ist die die Aufführung nichts für Zuschauer mit einer Glatzenphobie.

Dass Stemann bei aller Skepsis gegenüber der „Sinnproduktion“ dennoch ein Mann ist, der das schlichte Handwerk und den guten Bühneneffekt nicht verachtet, sieht man nicht nur daran, dass er die langen Textpassagen alle Frau Bendokat überlässt – mit dieser Königin kann ein Regisseur niemals scheitern. Sondern es zeigt sich auch darin, dass er eines der besten Lieder für den Schluss aufspart Da singt dann Goeser in der Rolle des genervten Flugbegleiters Steven Slater, der im August 2010 nach einem Streit mit einer Passagierin seinen Arbeitsplatz über die Notrutsche verließ, einen Countrysong über die Anklagen „Hausfriedensbruch, Grober Unfug und Vorsätzliche Gefährdung“, die ihm nach dieser Aktion ins Haus flatterten. Das ist so mitreißend, dass man fast wieder vergisst, wie sehr man sich zwischendurch – unvermeidlich bei einer Aufführung, die keine Geschichte erzählt – auch mal gelangweilt hat. Und man stellt sich gar nicht mehr die Frage, ob man Theaterabende, in denen die Methoden des Theaters grundsätzlich in Frage gestellt werden, nicht eigentlich schon viel zu oft gesehen hat.

Die Welt

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