Mittwoch, 16. Februar 2011

"Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" in der Schaubühne

Der interessanteste Ort der Siebzigerjahre waren die Toiletten von West-Berlin. Da konnte das Studio 54 in New York nicht mithalten: Der wahre Underground befand sich im gekachelten Untergrund einer abgeschnittenen Metropole, die fast nur noch von Rentnern und mehr oder weniger ziellosen jungen Leute bevölkert wurde. Hierhin zogen sich Christiane F. und ihre Fixercliquenfreunde zurück, um sich ihre Schüsse (manchmal die goldenen) zu setzen. Und hier spielte sich damals - das erfahren wir in der Schaubühne bei „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus dem zeitgenössischen Lied „Na und?“ von Udo Lindenberg- eben auch immer noch ein beträchtlicher Teil der schwulen Sexualität ab.

In einer Toilette endet Christianes Freundin Babsi mit 14 als jüngstes Drogenopfer Deutschlands, und hier will auch Christiane selbst ihr Leben mit einer Überdosis beenden, als es mal wieder mit dem Freund Detlef und mit dem Entzug schlecht läuft und die rosaroten Träumen von einer cleanen Zukunft sich schwarz färben. Die Hymne auf die sauberen, hellen, geräumiger Toiletten ohne Spannerlöcher am Bundesplatz, die die Schauspielerin Jule Böwe als Christiane F. im Angesicht des Todes vorträgt, klingt so euphorisch, als wähnte sie sich schon vor den Pforten des Paradieses.

Doch leider spielt Jule Böwe nicht allein die Christiane (sie muss sich die Rolle mit drei anderen teilen), und sie spielt sie auch gar nicht. Damit ist das Problem dieser Inszenierung und das von gefühlt einer Milliarde anderer Theateraufführungen (wovon man ebenso gefühlt 990 Millionen in der Schaubühne gesehen hat) auf den Punkt gebracht. Denn geliefert wird von Regisseur Patrick Wengenroth nicht mehr als eine bewegte Leseprobe, bei der die Darsteller mit Gesten und Handlungen nur den Buchtext unterstreichen, den sie meist mit dem Gesicht zum Publikum frontal vortragen. Es ist allenfalls eine An-Dramatisierung des in Ich-Form geschriebenen Erfolgsbuches der „Stern“-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck über ein authentisches Teenagermädchen auf dem West-Berliner Drogenstrich, das Ende der Siebzigerjahre zum Idol einer ganzen Generation wurde. Ganz egal, ob die Leser selbst Droge nahmen, nehmen wollten oder ob sie einfach nur, genau wie Christiane, ein starkes Unbehagen an der ach so grauen Welt der Erwachsenen, Lehrer, Meister und Sozialarbeiter empfanden – Christiane F. schien nicht nur von sich, sondern auch von ihnen und zu ihnen zu sprechen. Ein weiblicher Holden Caulfield oder Werther aus der Gropius-Stadt, der – genau wie die beiden anderen klassischen junge Romanhelden – durch seine Verlorenheit weniger abschreckte als zur Identifikation einlud. Guter Stoff. Immer noch.

Die Materie ist so hundertprozentig West-Berlin wie das am Kudamm gelegene Theater, in dem sie jetzt gespielt wird. Und doch scheint die Distanz der Künstler dazu riesengroß, und sie wird durch die beschriebenen Bühnenmittel noch größer. Von der männlichen Gewalt, die in Christianes Welt allgegenwärtig ist (weshalb sie sich von ihrem sanften Freund Detlef so sehr angezogen fühlt) wird ebenso nur erzählt, sie wird nie fühlbar, genauso wenig wie Schmerz, Tod und Erniedrigung auf dem Fixerstrich an der Kurfürstenstraße.

Diejenigen, die sich dort erniedrigten betrieben einen eloquenten Aufwand, um ihren Lebensstil zu rechtfertigen. Mit selbstbewussten drogen-befeuerten Suadas grenzten sich die Fixer von den Spießern mit ihren Zwängen und Schweingesichtern ab. Man kennt solche Monologe auch aus „Trainspotting“. Es wirkt heute freakig und verschroben. Das gilt auch für die Szenen, in denen die Auftritte der überlebenden Christiane F. in Talkshows wie „Menschen bei Maischberger“ parodiert werden – das medienkritische Publikum in der Schaubühne lacht natürlich schon, wenn es nur „Maischberger“ hört.


Genauso billig kann man sich heute aus der Distanz von 30 Jahren über das Sozialarbeiterdeutsch der Siebzigerjahre lustig machen - oder über den Ton des pädagogischen Begleithefts, das Lehrern Ratschläge gab, wie sie beim Einsatz von „Wir Kinder von Bahnhof Zoo“ im Unterricht verhindern können, dass ihre Schüler dem todgeweihten Charme von Christiane F. verfallen.Diese Gefahr droht in der Schaubühne gewiss nicht. Jedes Mal, wenn so was wie Dramatik aufgekommen könnte, stimmt der grotesk kostümierte Regisseur Wengenroth, der hier auch als Darsteller und lebende Bühnendekoration mitwirkt, ein Lied von Udo Lindenberg an. Eine gute Gelegenheit, festzustellen, dass die Lieder des heute so lächerlich wirkenden Hutträgers mindestens bis ca. 1979 richtig gut waren und immer noch ein sehr direktes Bild davon vermitteln, wie jung sein damals war. Das lässt sie in einer Aufführung, die sich so angestrengt um Indirektheit und intellektuelle Distanz bemüht ist, erst recht als Fremdkörper erscheinen. Aber wenn man einen Stoff derart mit spitzen Fingern anfasst, warum spielt man ihn dann überhaupt? Es kann doch nicht nur die Freude an alten Platten und an engen Hosen gewesen sein.

Die Welt

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