Donnerstag, 27. Januar 1994

"Gedeckte Tische" in der DT-Baracke

Es riecht nach Essen in der Baracke des Deutschen Theaters. Multikulturelle Düfte einer bunten Völkergemeinschaft, die Anna Langhoff für ihr erstes Theaterstück "Gedeckte Tische" in einem Asylbewerberheim versammelt hat. Deutsche kommen nur am Rande vor: ein Hausmeister (Horst Manz) und eine vor lauter Idealismus weltfremde Sozialarbeiterin (Käthe Reichel).

Denn die im Heim zusammengepferchten Nationen brauchen gar keine Skinheads, um sich das Leben zur Hölle zu machen. Krach, Diebstähle, Antisemitismus, Streit, Selbsthaß, Chauvinismus, aber auch Sehnsucht und plötzlich aufwallende Freundlichkeit - das Haus ist ein ziemlich detailgetreues Abbild des auseinandergefallenen Osteuropas. Der Partyauftritt der Kroatin Elena Mailovic (Cathleen Gawlich) als Madonna-Verschnitt ist ein schönes Sinnbild ihrer armseligen Hoffnungen auf die westliche Konsumwelt. Nur der vor Anpassungswilligkeit fast platzende Rußlanddeutsche Pjotr Pajewski (Horst Lebinsky) hat es auf dem Weg zum deutschen Spießer schon ziemlich weit gebracht - und wird am Ende mit der Staatsbürgerschaft belohnt.

Das hätte interessant werden können. Doch Anna Langhoffs Versuch scheitert vor allem an ihrer Unfähigkeit, die Figuren eine glaubhafte Sprache sprechen zu lassen. Das Kauderwelsch der Asylbewerber ist weder dem Leben abgelauscht, noch ins Überlebensgroße gesteigert. Sewan Latchinian kämpft mit seiner straffen Inszenierung häufig erfolgreich gegen das Rascheln des Papiers. Aber nur die Schauspieler (vor allem die Frauen Eva Weißenborn, Elsa Grube-Deister, Franziska Matthus, Kathi Liers) schaffen es manchmal, aus diesen Papiertigern echte Menschen zu machen 

BZ Berlin

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