Mittwoch, 10. Juni 1992

Gruppo di Valtorta in der Bar jeder Vernunft

Ein kleines Wunder: Ein Kabarettprogramm, in dem nicht ein einziges Mal die Wörter Kohl, Stasi und Aids auftauchten. Urheber des Mirakels: die Gruppo di Valtorta. Sechs Menschen Ende zwanzig aus Ebersberg, südlich von München. Die ungewaschenen Erben von Karl Valentin. Mit der rabiaten Energie von Kleinkindern, die ihre Matchbox-Autos zerlegen, nehmen sie die Sprache auseinander: das Deutsche, das Bayerische und den Krüppel aus Silben und Grammatiktrümmern, der entsteht, wenn sich Dorftrottel in der dröhnlauten Disco anbrüllen. Aus den sterblichen  Überresten mixen sie Silbensalat: Märchen-Pidgin, Esperanto-Bayerisch, völlig sinnlos. Und doch: Wie bei Dada-Gedichten versteht man jedes Un-Wort: "Niamatzo Blamsepp!" Ach so! Höhepunkt: Der wirre Monolog eines Proletenfuzzis, der in einem Jargon aus Dichternamen stammelt. Über seine Freundin: "Wenn's mit mir ins Beckett, krieg I gleich so ein Stendhal."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen