Samstag, 11. Dezember 1993

"K.".vom Teatr Kreatur

Zappelnde Glieder, wilde Gebärden, weit aufgerissene Augen, ausdrucksstark geschminkte Gesichter - die Welt des Theatermachers Andrej Woron wird bevölkert von den Geschöpfen des Stummfilms. Der Golem, Alraune, Dr. Caligari standen Modell für die Schauspieler bei Worons Inszenierung "K." nach Franz Kafkas "Der Prozeß".

Es ist die vierte Arbeit des Polen in Berlin. Wieder eine Geschichte aus der verlorenen jüdischen Welt Osteuropas. Und wie bei "Das Ende des Armenhauses", "Die Zimtläden", "Ein Stück vom Paradies" geht er auch hier frei mit der Vorlage um. Kafkas "Prozeß" ist der Roman des Jahrhunderts. Als Gleichnis taugt er sowohl für die Schrecken des Stalinismus als auch für das stille Grauen eines Lebens ohne das tröstenden Bewußtsein göttlicher Gnade.

Bei Woron ist der Prokurist K. das Urbild des Fremden. Er spricht nur Polnisch. Als eines morgens zwei Herren sein Zimmer betreten um ihm mitteilen, er sei verhaftet, versteht er nichts. Doch wir verstehen allzu gut, was es bedeutet, wenn der Nazischlager "Schwarzbraun ist die Haselnuß" dröhnt. Es bleibt glücklicherweise bei diesem einen Hauruck-Verweis auf gegenwärtige Schrecken.

 Das Theater Andrej Worons ist ein Theater der Bilder. Der Raum, das Licht, die Choreographie von Martin Stiefermann, die Plastiken von Birgit Diaz, die Musik von Janus Stoklosa, die surrealistisch anmutenden Bühnenobjekte von Woron selbst - alles wirkt zusammen einer ganz eigenen Kunst, die mit Realismus sowenig zu tun hat wie mit den abgestanden Konventionen des modernen Theaters.

Viel Raum für individuellen schauspielerischen Ausdruck bleibt da eigentlich nicht. Doch Dzidek Starczynowski als K. rührt durch alle Masken und alle Stilisierung hindurch allein mit seinem Körperspiel und dem Klang seiner Stimme. Mehr als das großartige symbolisch Schlußbild, mit dem die Hinrichtung K.s mehr angedeutet als gezeigt wird, erschüttern am Ende nach 70 Minuten drei Worte: "Wie ein Hund." Es sind die ersten drei Worte, die K. spricht. Im Angesicht des Todes hat er erfahren, was schon der Dichter Paul Celan wußte: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland." 

BZ Berlin

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