Donnerstag, 25. Januar 1996

"Du sollst mir Enkel schenken" im Studio des Renaissance-Theaters

Ein Mutterherz kann viel verzeihen: Geldgier, Aufsässigkeit, Faulheit, zur Not auch noch ein schwules "Coming Out" - aber wenn der geliebte Sohn sich weigert der Mama ein "Einkaufsnetz voller Enkel" zu schenken, dann: Gnade ihm Gott! Die Mutter kennt jedenfalls kein Erbarmen mehr.

Aus diesem schlichten Grundkonflikt schlägt Thomas Jonigks Stück "Du sollst mir Enkel schenken" höchst amüsante Funken. Gebaut ist es nach dem Muster eines drastischen Schwanks. Außer Mutter (großartig als herrischer Mittelpunkt der Familienhölle: Gertrud Roll) und Sohn (Andreas Erfurth) tauchen noch auf: Anne Rech als plumpe Heiratskandidatin, die ihre Sehnsucht nach Schwangerschaft hinter Soziologengequatsche verbirgt ("Deine teilweise recht ungewöhnlichen Ansichten lösen bei mir eine Menge Denkprozesse aus"), ein verklemmt geiler Bruder (Dieter Bach), ein noch verklemmterer geldgeiler Pfarrer (Kurt Glockzin) und eine ältliche geile Tante (Maria Gräfe). Alle zusammen paradieren sie im "studio" (das Bühnenbild von Folker Ansorge: ein Traum aus Plüsch und Platzangst - ein bißchen wie das Foyer des Renaissance-Theaters) als wunderbar überdrehte Karikaturen, neben denen die "Addams Family" aussieht wie die netten Spießer von nebenan.

Das kleine Wunder dieser Inszenierung: Obwohl die Figuren in angemessener Weise der Lächerlichkeit preisgegeben werden und obwohl der junge Autor seine gedrechselten Pointen so kühl und präzise ansetzt wie ein Kastrationsmesser, lassen ihnen Jonigk und Regisseur Oswald Lipfert immer noch einen Rest von Menschlichkeit. Andernfalls hätten wir vielleicht auch irgendwann das Interesse an ihnen verloren. Doch so verbringen wir ausgerechnet mit diesen Horror-Gestalten zwei extrem (in jedem Sinne des Wortes "extrem") vergnügliche Stunden. 

BZ Berlin

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