Dienstag, 20. Juni 1995

"Symposion" in der Probebühne der Schaubühne

Wer kennt sie nicht, die Melancholie, die den Mann am Morgen nach einer alkoholisierten Nacht befällt? Dem Philosophen Platon (427-347 v. Chr.) war sie jedenfalls sehr vertraut. Beweis: "Symposion", Platons große Dialog-Erzählung über die Macht der Liebe, seit jeher als geniales Beispiel für die typisch griechische Verbindung von Sinnenfreude und Lust am Denken gepriesen.

Sieben Männer, darunter der Komödiendichter Aristophanes, der Philosoph Sokrates und der schöne Feldherr Alkibiades loben bei einem Gastmahl die Herrlichkeit des Liebesgottes Eros - ein bei den Griechen beliebte Form des Gesellschaftsspiels. Regisseur Wolf Redl führt in der Probebühne der Schaubühne den "Symposion"-Text als das vor, was er eigentlich ist: das kluge, leidenschaftliche, eitle Gerede kultivierter Männer, in deren Blut reichlich Wein zirkuliert. So gewinnen Hans Diehl, Jürgen König, Hans-Werner Meyer, Wolfgang Michael, Nicholas Monu, Cornelius Obonya und Rainer Phillipi dem Text eine komödiantische Seite ab, ohne seine Poesie und Gedankenfülle zu zerstören.

Am Ende löst sich alles in Musik auf: Die Männer formieren eine Kapelle und spielen eine traurige Country-Polka wie man sie von der Band "Freiwillige Selbstkontrolle" kennt. Auch die alten Griechen hatten schon den Blues - das alles und noch viel mehr, lehrt uns dieses verzaubernde Stück Theater.

BZ Berlin

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