Sonntag, 10. November 1996

"Caligula" im Deutschen Theater

Am schönsten war doch der Wirbel der weißen Punkte ... Als zwischen den ersten Akten eine Art Lichtballett durch zerkratzte Filmstreifen auf den Bühnenvorhang projiziert wurde und dazu Schostakowitschs "Jazz Suite", die novemberkalte Seele wärmte - das war nett, aber kurz.
Lang war dagegen "Caligula" von Albert Camus ("Sartres weinerlicher kleiner Bruder" nannte ihn der Pop-Philosoph Diedrich Diederichsen). Zweieinhalb Stunden konnte man jetzt im Deutschen Theater bestaunen, wie die Spinnweben, die sich seit 1938 über dieses Drama gelegt haben, allem Gefuchtel mit dem Staubwedel des Regietheaters trotzten.
Der römische Kaiser Caligula (Martin Reinke) erkennt beim Tode seiner geliebten Schwester, daß alle Menschen sterblich sind und folgert daraus: Wirklich frei ist der, der töten kann, wie es ihm paßt.

Thesentheater mit Mord und Vergewaltigungsornamenten also. Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat ein bißchen Genet-Soße aus Fassbinders "Querelle"-Flasche drübergegossen. Die Gefahr, sich am Papier zu schneiden, ist dennoch größer als alle drohend gereckten Cäsarendolche und Penisse.
Am Bemühen, den Leichnam "Caligula" zu erwecken, fehlt es nicht. Allein: Es mangelt am Vermögen - trotz aller Märsche durch den Zuschauerraum, aller Transvestitentänzchen, aller Spiegelgefechte mit dem Bühnenbild. Besonders heftig scheitert das Paar im Zentrum: Caligula-Reinke ist ein bemitleidenswertes Dieter Männchen. Gemeinsam mit Katrin Klein als Mätresse Caesonia wirkt er bis zur Pause noch - na ja - irritierend, danach schwingen sie sich zu einsamen Höhen der Peinlichkeit auf. Als im Cäsarenwahn nur noch geschrieen und auf Klaviere eingehämmert wurde, hätte ich, die Augen mit dem Programmheft bedeckt, noch ewig ganz fasziniert wegsehen können.

BZ Berlin

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