Mittwoch, 2. Oktober 1996

"Triumph der Empfindsamkeit" in der Volksbühne

Stefan Bachmann hat das VfB-Stuttgart-Problem: Kurz nachdem der "Spiegel" die schwäbischen Ballzauberer Bobic, Elber und Balakov zum Dreiergespräch gebeten hatte, verloren sie ausgerechnet gegen die Holzhacker von Fortuna Düsseldorf. Und just in der Woche, in der Bachmann von selben Nachrichtenmagazin mit einem dreiseitigen Porträt gefeiert wurde, hat sich der junge Liebling des deutschen Theaters mit Goethes Narzismus-Dramolett "Der Triumph der Empfindsamkeit" an der Volksbühne seinen ersten herben Dämpfer seit Jahren eingefangen.

Um im Fußball-Bild zu bleiben: Nicht gerade eine Niederlage, die alle Chancen auf die Meisterschaft kosten wird, aber doch eine deutliche Packung in einem wichtigen Spiel. Und das trotz guter Ansätze: An szenischer Phantasie mangelt es Bachmann so wenig wie an der nötigen Unverschämtheit, mit der hier wirklich alle Theatermittel genutzt werden. So beschert er seinen Spielern einige wirklich effektvolle Auftritte: Einmal erscheint Prinz Oronaro (Stephan Richter) wie ein Mega-Michael-Jackson, der auf einem Laserstrahl aus dem Weltall geritten kam. Goethe & Rock 'n' Roll. Einmal donnert Gesine Cukrowski die Orakelsprüche, die den bescheidenen dramatische Plot in Gang bringen, mit der Höllenstimme einer Vampirin aus "From Dusk 'til Dawn". Jürg Kienberger strotzt vor musikalischer Komik wie immer. Und Cornelia Schmaus, schauspielerisch leider die einzige authentische Kraft auf der Bühne, ist als Königin Mandandane, die ständig Monodramen deklamiert, eine grandiose Edith-Clever-mit-den-Scherenhänden. Am schönsten: Das Liebesballett des Prinzen mit der Mandandane nachempfundenen Puppe - ein wirklich großer autonomer Theatermoment.

Doch alles das wirkt zusammengepappt, die Assoziationen flattern frei wie Nachtfalter um eine Straßenlaterne, die ohnehin nicht sehr geradlinige Handlung verdunkelt sich immer mehr und manches wird heftig überstrapaziert, wie die elfenhaften Auftritte der Hoffräuleins. Und das alles vor einem Publikum, von dem ein guter Teil schon von Beginn an durch Keuchhustenorgien und Dauer-Gequatsche signalisierte, daß es nur gekommen war, um den jungen Shooting-Star stürzen zu sehen. Das schmerzt wie eine Niederlage ausgerechnet bei Bayern München.

BZ Berlin

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