Donnerstag, 30. Juni 2011

"Die spanische Fliege" in der Volksbühne

Das haben die genialen Fließband-Komödienschreiber Franz Arnold und Ernst Bach in ihren kühnsten Träumen nicht geahnt: Rund 100 Jahre nach ihrer Erfolgszeit stehen gleich zwei ihrer Schwänke auf dem Spielplan der wichtigsten deutschen Avantgardebühne. Intendant Frank Castorf selbst hat „Amanullah, Amanullah“ im Prater, der kleinen Spielstätte der Berliner Volksbühne, inszeniert. Und jetzt kommt ihre „Spanische Fliege“ sogar im Großen Haus heraus. Das ist folgerichtig, denn am Rosa-Luxemburg-Platz standen Experiment und Volkstheater im Willy-Millowitsch-Stil immer in fruchtbarer Beziehung – nicht nur bei Castorfs vielleicht größtem Erfolg „Pension Schöller“.

Als Millowitsch des neuen Jahrtausends bewirbt sich seit einiger Zeit Herbert Fritsch. In den Neunzigerjahren war dieser Amokkomödiant einer der Stars des legendären Castorf-Ensembles, dem kein nasser Balken zu glitschig zum Draufklettern und kein toter Fisch zu eklig zum Über-den-Penis-stülpen war. Dann bremste ihn eine schwere Krankheit, bis er vor ein paar Jahren sein Comeback als Regisseur feierte. Zunächst in der Provinz und jetzt endlich wieder in Berlin.

Die hohe Kunst des Auf-die-Fresse-Fallens, die Fritsch früher virtuos beherrschte, hat er auch seinen Schauspielern beigebracht. „Die spanische Fliege“ ist eine knapp zweistündige Symphonie des Stolperns, Ausrutschens, Plumpsens, Hinkrachens, Purzelbaumschlagens usw. „Ich leg‘ mich lang!“ ruft der Senffabrikant Anton Klimke immer, wenn ihn wieder eine neue irre Wendung des Plots in Bedrängnis bringt, und Fritsch hat daraus sein Regiemotto gemacht. Die heimliche Hauptrolle spielt ein im Bühnenboden verstecktes Trampolin, das jeden Darsteller, der draufhopst, in den irrwitzigsten Positionen gen Bühnenhimmel schleudert.

Wolfram Koch spielt den Klimke. Dieser wohlanständige Bürger wird durch einen unehelichen Sohn, den er vor 24 Jahren gezeugt hat, in Bedrängnis gebracht. Zwei Stunden lang versucht er, das Geheimnis vor seiner noch sittenstrengeren (welch schönes, leider ausgestorbenes Wort!) Gattin (Sophie Rois) zu verbergen. Das Bühnenbild ist ein riesiger Teppich, unter den Klimke seinen Fehltritt gerne kehren möchte, dessen Falten aber auch dem Ensemble wunderbare Fallen stellen.

Wie alle anderen Darsteller ist auch Koch von der Kostümbildnerin Victoria Behr als eine Figur aus der Frühzeit des deutschen Comics hergerichtet. Hier weht der Geist von Heinrich Hofmanns „Struwwelpeter“ oder von Wilhelm Busch: Abweichungen von der bürgerlichen Norm werden mit komischen Höllenstrafen geahndet. Weil die Darsteller immer zum Publikum statt einander zugewendet spielen und mit so geziert komischen Gängen auftreten, als hätte der Minister für albernes Gehen Co-Regie geführt, sieht diese „Spanische Fliege“ aber auch aus wie eine Parodie auf das Theater Robert Wilsons. Vor allem bei Sophie Rois, die auch noch eine dieser typischen Wilson-Schockstromfrisuren trägt.

Herbert Fritsch hat bisher fast nur Komödien inszeniert, mit der bezeichnenden Ausnahme von Ibsens „Nora“ in Oberhausen, die auch zum Theatertreffen eingeladen wurde. In der Volksbühne versteht man jetzt glasklar, was Ibsen mit dem Schwanktheater gemein hat: Hier wie dort sind oft lange zurückliegende Fehltritte der Motor des Geschehens. Doch während solche Entgleisungen bei Ibsen immer ins Verderben führen, ermöglichen sie in der „Spanischen Fliege“ oder auch in Curt Goetz‘ „Das Haus in Montevideo“ erst das Glück der Figuren. Durch die Aufdeckung von Lebenslügen wird niemand vernichtet, sondern es werden nur die fest zementierten bürgerlichen Verhältnisse so verflüssigt, dass sie sich den neuen Umständen anpassen können. Die überführten Papas und Mamas können gar nicht anders, als nun auch bei den Kindern mal ein Auge zuzudrücken.

Mehrere Augen drückte auch das Publikum in der Volksbühne zu. Als wäre seine Humorlibido vom Potenzmittel und Viagra-Vorläufer „Spanische Fliege“ gereizt, ließ es sich von Momenten des Leerlaufs nicht in seiner Lachlust bremsen. Nach so vielen fünfstündigen Russenstücken wurde der Belastungswechsel hier begeistert aufgenommen. Unten im Rang tobte man mit denen oben auf der Bühne um die Wette. Der verlorene Sohn Fritsch dürfte dem kriselnden Haus einen dringend benötigten Erfolg beschert haben.

Ach ja: Und wer nach diesem Abend noch einmal das Klischee wiederkäut, in Deutschland gebe es keine Komödientradition, wird mit dem Anschauen missglückter Castorf-Inszenierungen nicht unter 100 Stunden bestraft.

Die Welt

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