Dienstag, 14. Juni 2011

"Tape" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Motels sind in der amerikanischen populären Kultur das, was Spukschlösser in der klassischen europäischen Schauerliteratur waren: Orte, an denen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart durchlässiger sind als anderswo. Hier holt der Fluch lange zurückliegender Untaten die Lebenden ein, hier kehren die Toten wieder aus dem Schattenreich zurück und hier ergreifen Dämonen Besitz von wehrlosen Seelen. Wer „Psycho“, „Wild at Heart“ oder „No Country for Old Men“ gesehen hat, wird nie wieder ein Motel ohne Grusel betreten.

Deshalb weiß auch der Zuschauer in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, dass die beiden alten Freunde Jon (Bernd Moss) und Vince (Felix Goeser) nicht lange beim Austausch von Wiedersehens-Floskeln und Highschool-Erinnerungen verharren. Bald wird das Schicksal an die Tür von Vinces trübseligem Zimmer klopfen und unter dem Neonzeichen des „Motel 6“ wird sich ein Drama entfalten.

Nur von welcher Art diese Tragödie sein wird, darüber lässt Stephen Belber, der Autor von „Tape“, den Zuschauer erst mal im Unklaren. Einige Zeit vergeht mit rituellem Geplänkel, das Jon und Vince offensichtlich brauchen, um die Gräben zuzuschütten, die zwischen ihnen seit der Highschool immer tiefer geworden sind – der eine ist ein erfolgreicher Independent-Filmregisseur, der andere ein Feuerwehrmann und Drogendealer. Sie sind in die kleine Stadt Lansing gekommen, weil diese sich – wie viele kleine Städte, die sonst keine Hoffnung mehr haben – ein Festival zugelegt hat. Dort soll Jons neuester Film gezeigt werden.

Dass bei der heraufziehenden Katastrophe eine Bandaufnahme eine Rolle spielen könnte, legt zwar schon der Stücktitel nahe. Aber angesichts des Rufs von Stefan Pucher als Protagonist des Poptheaters ist man zunächst geneigt, anzunehmen, hinter „Tape“ verberge sich lediglich eine für diesen Regisseur typische musikalische Anspielung. Pucher hat schon Stücke inszeniert, die „Flashback“ und „Mjunik Disco“ hießen, und wahrscheinlich gab es irgendwo auch schon mal einen Theaterabend namens „Vinyl“ von ihm.

Also glaubt auch der Zuschauer vorläufig Vince, wenn dieser auf Jons Frage „Was geht da ab in Deiner Tasche?“ antwortet „Bier“ und später „Dope“. Doch dann zieht er einen kleinen Kassettenrekorder zwischen dem Stoff hervor, auf dem er Jons Beichte einer lange zurückliegenden Untat aufgenommen hat. Der geübte Kinozuschauer weiß, dass Leuten wie Jon in Filmen jetzt eine Kettensägenbehandlung mit nicht unter fünf Litern Kunst droht. Bald darauf steht tatsächlich eine Person mit Perücke vor der Tür – so ähnlich wie sie Norman Bates in „Psycho“ trug, um sich in seine Mutter zu verwandeln und im Motel auf Mordtour zu gehen.

Hier ist es aber nur Nina Hoss, zur Abwechslung mal mit schwarzem Haaar. Sie spielt Amy, eine junge Frau, mit der Vince und Jon und auf der Highschool etwas hatten. Nun arbeitet sie in Lansing für den Oberstaatsanwalt. Eigentlich ein Grund, sie nicht länger zu unterschätzen, wie es die beiden Männer zu Schulzeiten getan haben. Aber vor allem Vince hat die Erinnerung an die Amy, die er einmal gekannt hat, wie in einem Bernsteintropfen aufbewahrt und kann sich offenbar gar nicht vorstellen, dass sie sich entwickelt hat. Für ihn war sie die große Liebe, für Jon nur die Frau, mit dem man am Ende der Schulzeit ohne besonderen Grund zusammenkommt. Nun möchte Vince ihr Jons Geheimnis verraten. Aber Amy spielt nicht so mit, wie die beiden Männer erwartet haben.

Und wieder kippt die Sympathiebalance in Belbers Stück. Solche überraschenden Umschwünge sind eine der Stärken von „Tape“. Zunächst erscheint Jon als sanfter und selbstkontrollierter Erfolgsmensch und Vince als leicht verhaltensgestörter Loser – bis das, was auf dem Tape ist, ihr Verhältnis auf dem Kopf stellt. Mit Amy kehren aber auch ein paar Erinnerungen an die dunklen Seiten von Vince und den Charme von Jon zurück in das Motelzimmer.

Das Ende ist dann überraschend und folgerichtig zugleich, fühlt sich aber dennoch ein bisschen abrupt an. Kein Wunder: Regisseur Pucher hat den Epilog, der laut Autor noch folgen sollte, genauso weggelassen wie den Prolog. Seine Trickkiste öffnet er auch nur einen Spalt weit. Die Akteure singen ein paar Lieder, und sie werden ständig mit der Videokamera gefilmt und auf einer Leinwand verdoppelt. Beides nimmt der Zuschauer mittlerweile so selbstverständlich hin wie früher die weißen Anzüge bei Tschechow, Hamlets Strumpfhose oder andere Alltäglichkeiten des Vor-Pop-Theaters.

Im Kern bleibt dieser Abend, der mit 80 Minuten kürzer ist als ein Spielfilm, trotz aller scheinbar modischen Zutaten nah dran am klassischen amerikanischen Enthüllungsdrama, dessen Ahnenreihe von O’Neill über Williams und Miller bis zu Albee reicht. Einige dieser Autoren hat Pucher in den vergangenen Jahren schon aufgeführt. Die Messer, die sich die Protagonisten virtuos gegenseitig dorthin stoßen, wo es besonders wehtut, bleiben verbal. Und die schwarze Perücke von Nina Hoss hat doch weniger mit Norman Bates‘ Mutter zu tun als mit Elizabeth Taylor. „Wer hat Angst vor Amy Randall?“ wäre auch ein passender Stücktitel gewesen. Vince und Jon zittern vor Furcht, als sie das Motelzimmer wieder verlässt.

Die Welt

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