Sonntag, 18. September 2011

"Rosmersholm" in der Volksbühne

Das Berliner Theater macht gerade eine florale Phase durch. Schon  wieder bestaunt der Zuschauer ein Bühnenbild wie einen teuren Blumenladen. Vorige Woche bei der „Winterreise“ im Deutschen Theater waren es noch ganze Beete, die die Darstellerinnen durchwateten, jetzt bei „Rosmersholm“ in der Volksbühne beschränkt sich die Flora auf einige große Bodenvasen, die die Szenerie im Hause des ehemaligen Pastors Rosmer rahmen.  Diese Dekoration ist ganz texttreu – allerdings verlangt der Autor Henrik Ibsen eigentlich einen „Behälter“ mit Blumen, der am Fenster hängt, und einen mit Wiesenblumen geschmückten Kachelofen. Das hätte der heutige Betrachter soziologisch nicht mehr zusammenbringen können: Kachelöfen gehören nach Prenzlauer Berg, Blumenkästen eher nach Marzahn.

Also Bodenvasen. Die hat man hier in der Volksbühne so ähnlich schon mal gesehen. Denn es handelt sich um die zweite „Rosmersholm“-Inszenierung der Ära des Intendanten-Castorf. Die erste dauerte allerdings nur zwei Minuten. Am Anfang von Christoph Schlingensiefs „Berliner Republik“ huschte Sophie Rois 1999 in einem Strickpullover ständig mit großer theatralischer Geste die Vasen neu arrangierend hin und her. Das war damals eine kurze parodistische Anspielung auf die Manierismen von Angela Winkler in Peter Zadeks Inszenierung des Ibsen-Dramas. Zadeks geradezu angebetete Aufführung blieb der letzte Versuch eines bedeutenden Regisseurs mit diesem schwierigen Stück.

Ausgerechnet das hat sich nun Leander Haußmann für sein Comeback als Theaterregisseur nach acht Jahren ausgesucht. Der nunmehr 52jährige war kurz nach der Wende das schönste künstlerische und erotische Versprechen des ostdeutschen Theaters: Mit jugendfrischen und schallplattenmusikgesättigten Aufführungen erfand er das Pop-Theater, bevor es überhaupt ein Wort dafür gab. Sehr zum Verdruss mancher Kritiker, deren eigene Platten ewig an der Stelle haken, wo der Untergang der abendländischen Theaterkultur besungen wird, aber sehr zur Freude der reiferen Damenwelt: Leander Haußmann war damals gewissermaßen eine Ein-Personen-Boygroup für 35-Jährige.

Irgendwann, nachdem er als Intendant in Bochum gescheitert war, drehte er zwei gute („Sonnenallee“, „Herr Lehmann“) und allzu viele immer belangloser werdender Filme. Er schien dem Theater verloren gegangen zu sein. Der Schein trügte. Neben seinem Engagement in den Reihen der Kritiker des neuen Berliner Großflughafens hat er sich jetzt auch mal wieder Zeit für die Bühne genommen. Beides ist eine Art Heimkehr: Auf den Anti-Fluglärm-Demos verteidigt er die Ruhe im Himmel über Friedrichshagen, wo seine Familie herkommt, in der Volksbühne sucht er wieder Anschluss an das künstlerische Milieu, das ihn fürs Leben geprägt hat: In Inszenierungen des jungen Frank Castorf trat er einst als Schauspieler auf.

Haußmann war schon immer ein Konservativer. Die Musik, die er spielen lässt, ist Jahrzehnte alt – diesmal sind es Songs von Leonard Cohen -, und immer entwirft ihm seine Mutter die Kostüme. Als er noch lebte, spielte sein Vater Ezard regelmäßig die Hauptrollen. Er legt also ganz offensichtlich keinen Wert auf einen radikalen Bruch mit der Familientradition, wie ihn Pastor Rosmer zu Beginn von „Rosmersholm“ vollzieht: Der Spross einer langen Ahnenreihe von Predigern, Offizieren und Beamten erklärt seinem Schwager und Freund, dem Rektor Kroll (Ralf Dittrich), nicht nur seinen Übertritt zum linken politischen Lager, sondern auch, dass er den Glauben verloren habe. Dieser Abfall vom Bürgertum ist hier nicht ganz leicht nachzuvollziehen, denn dessen Vertreter Kroll ist eindeutig der Typ mit der größten Lebenskraft auf der Bühne – was vielleicht aber auch nur daran liegt, dass man seine Argumente rein akustisch oft besser versteht als die weggenuschelten der anderen.

Kroll kämpft fortan mit allen Mitteln gegen den Glaubenswechsel des Freundes. Ahnend, dass die Motive dieses buddenbrookesken Familienspätlings eher erotischer als rationaler Natur sind, macht er ihm seine Hausgenossin, die „Emanzipierte“ Rebbeka West (Annika Kuhl) madig. Er verrät Rosmer ihre uneheliche, ja vielleicht sogar inzestuöse Herkunft und die fatale Rolle, die sie beim Selbstmord von Rosmers Gattin Beate gespielt hat. Solche Enthüllungen führen bei Ibsen nie zu einem guten Ende.

Sigmund Freud hat die Rolle der Rebbeka West (in den alten Volksbühnen-Zeiten hätte man sich mit diesem Namen bestimmt einen Kalauer a la „Go West, old man!“ erlaubt) psychoanalytisch interpretiert. In seiner Fixierung auf verborgene heterosexuelle Motive hat er ganz übersehen, was in der Volksbühne so klar wie nie zu Tage tritt: Im Grunde ist „Rosmersholm“ ein schwules Eifersuchtsdrama. Schon die Begegnung zwischen Rosmer und seinem in Kleinstadt zurückgekehrten alten Hauslehrer Ulrik Brendel (Uwe Dag Berlin legt hier als einziger eine im Guten wie im Bösen typische Volksbühnen-Schauspieler-Performance hin) erinnert an das enttäuschende Wiedersehen mit einer verkommenen Jugendliebe.

Erst recht bindet Kroll und Rosmer ein bisschen mehr als nur Klassenzugehörigkeit. Der Rektor, der den Pfarrer leider nicht selbst heiraten konnte, sondern ihn seiner Schwester überlassen musste, kämpft um Rosmer mit dem Furor und den Intrigen eines enttäuschten Liebenden. Dass er dabei bereit ist über Leichen zu gehen, deutet sich schon zu Beginn des Stücks ganz konkret an: Da beobachtet die Haushälterin Madam Helseth (Margit Carstensen) wie Kroll schnurstracks über den Steg schreitet, von dem seine Schwester ins Wasser gesprungen ist. Pfarrer Rosmer hatte das kurz zuvor nicht fertiggebracht und war einen weiten Umweg gegangen.

Den Rosmer gibt Peter Lohmeyer. Der Fimschauspieler hatte einst zum Ensemble abgewickelten Schiller-Theaters gehört – genau wie Ralf Dittrich. Haußmann inszenierte dort einmal Schillers „Don Carlos“.  Der Abend jetzt in der Volksbühne ist also gewissermaßen ein heimliches  Comeback einer spezifisch west-berlinischen Theatertradition.

Lohmeyer spielt den Rosmer als einen eher zarten, etwas blutarmen Schwärmer. Ein typischer Ibsen-Held – sehr beinflussbar von außen, hin und her gerissen, zwischen rascher Begeisterung und schneller Enttäuschung. Das kontrastiert durchaus reizvoll mit den eher knorrigen Männertypen, die er sonst meist verkörpert.

Auch der Szenograph Uli Hanisch ist ein Mitbringsel Haußmanns aus der Filmszene. Er, der früher für Schlingensief arbeitete und jetzt für Tom Tykwer Filme ausstattet, hat ins Zentrum seines Bühnenbildes eine lange, lange Treppe gestellt, die im Haus Rosmersholm die Stockwerke von Rebekka West und Rosmer trennt und so schon symbolisiert, welche Distanz die beiden überwinden müssen. Sie gehen nur einmal zusammen die Treppe hoch: Nämlich am Ende, wenn sie gemeinsam den Freitod im Wasser suchen – für sie die einzig mögliche Erlösung von all den Hemmnissen, die ihre Liebe hindern.

Genau darin liegt auch das grundsätzliche Problem des Dramas „Rosmerholm“, das diese Aufführung mit all ihrem Aufwand an Kunst und Handwerk nicht beseitigt. Haussmann serviert es mit all der Liebe zum schönen alten Theater, zu der dieser Romantiker fähig ist. Aber man schmeckt den Staub. Die Zwänge der Ibsen-Menschen sind uns sehr  fremd geworden. Die Aufregung über die uneheliche Geburt eines Kindes beispielsweise ist für uns heute fast schwerer nachvollziehbarer als der Machtwahn eines Macbeth oder der Starrsinn einer Antigone. Gerade weil die Bourgeois ins „Rosmersholm“ uns Spätbürgern näher sind als die mythischen Figuren des griechischen oder des Shakespeare-Dramas, empfinden wir ihr abweichendes sexuelles Ethos und ihre kaum noch verständlichen Zwänge als ein bisschen peinlich.

Das gilt für „Rosmerholm“ mehr als für Ehedramen wie „Hedda Gabler“ oder „Nora“, die sich eher ins gegenwärtige Milieu verlegen lassen. Der Skandal, der darin besteht, dass Rosmer die zwölf Generation währende Familientradition nicht fortsetzen will, ist für Menschen kaum nachvollziehbar, die oft nicht wissen, was ihre Urgroßeltern getan haben. Das beste Beispiel ist lustigerweise der Hauptdarsteller: Lohmeyer ist genau wie Rosmer Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie. Man kann sich aber nur schwer vorstellen, dass seine Entscheidung, etwas ganz anderes zu machen, einen ähnlichen Skandal verursacht hat wie der Entschluss Rosmers.

Die Welt

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