Freitag, 17. April 1998

"Poljot" in der DT-Baracke

Wer bisher glaubte, die Ansammlung von Türkei-Klischees, die in deutschen Köpfen herumgeistern, sei unüberbietbar, wird in der Baracke des Deutschen Theaters eines Besseren belehrt. Gegenüber der bunten Fülle von orientalischen Stereotypen, die Russen und Ukrainer reproduzieren können, müssen alle deutschen Stammtische kapitulieren. Offenbar wirkte die jahrhundertelange „Erbfeindschaft“, in der die Türkei und das Zarenreich einst verbunden waren, befruchtend auf die Phantasie.

Bei der Uraufführung des Stückes „Poljot“ nutzen der russische Autor Alexej Schipenko und der ukrainische Regisseur Valerij Bilchenko die rohe Kraft dieser Klischees. Zwei Drittel des Abends sind pure Klamotte. Wer zwei Schauspieler wie Aykut Kaycik und Adnan Maral hat, darf so ein Wagnis eingehen. In ihrer Hemmungslosigkeit erreichen sie manchmal die Gipfel, wo die Klamotte als höchste Form von Wahrheit glänzt. Die einzige Methode, alle theatralische Abgeschmacktheit beiseite zu fugen und jenes Nichts zu erlangen, aus dem Vielleicht etwas Neues entstehen kann.

Eine Stunde sind sie als „Kurdy“ und „Murdy“ mal Herr und Knecht, mal Vater und Sohn, mal Liebespaar, mal Freundinnen, mal Bettler, mal BMW-Machos. Immer ist die Zweier-Situation Anlaß für irgendeinen durchgedrehten Klamauk, der begleitete wird von Gebrüll in einer Sprache, von der sich nicht so ohne weiteres sagen läßt, ob es sich tatsächlich um Türkisch handelt oder um jenes literarische Kauderwelsch, das Schipenko bereits beim ebenfalls in der Baracke uraufgeführten Stück „Suzuki“ seinen Figuren in den Mund legte. Es ist wie bei einem türkischen Komödienstadl, in den man zufällig beim Zappen durch irgendwelche Satelliten-Kanäle geraten ist. Man versteht nichts, aber die überdeutlichen Minen und Gesten lassen genug erahnen.

Kurdy und Murdy sind zwei unkonventionelle Engel, die einem Mann namens „Siegfried“ (Martin Engler) erschienen sind, nachdem er sich im Wodka-Delirium aus seinem trübsinnigen Matratzenlager auf die Tragfläche einer Boeing in 9000 Metern Höhe befördert hat. Die Gesetze der Logik sind in „Poljot“ weitgehend außer Kraft gesetzt. Die Aufführung folgt der Dramaturgie des Traumes - sie ist wirr, krude und deftig. Und wie im Traum nimmt Siegfried die absurdesten Dinge, die ihm gemeinsam mit Kurdy und Murdy begegnen als selbstverständlich hin. Erst als die beiden ihn in eine Kneipe namens „Realität“ mitnehmen wollen, leistet er Widerstand.

Bevor der Zuschauer wieder in die Realität entlassen wird, erscheint auch noch der Autor höchstpersönlich als jesus-gleicher Penner auf der Bühne. Die Frage „Worum willen?“ beantwortet auch dieser schweigsame Gast nicht. Aber man wird doch das beruhigende Gefühl nicht los, daß zumindest die Künstler wissen, welchen Gesetzen sie da eigentlich gefolgt sind. Und so vergehen die 100 Minuten wie im „Poljot“ (russisch „Flug“). Wenn auch wie im Flug mit einer gelegentlich stotternden uralten Aeroflot-Maschine.

BZ Berlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen