Mittwoch, 2. November 2011

"Der Kirschgarten" im Berliner Ensemble

Fünf Jahre ist die Gutsbesitzerin Ranjewskaja im Ausland gewesen. "Ich weiß nicht, wie sie heute ist", sagt der reich gewordene Bauernsohn Lopachin gleich am Anfang von Tschechows Stück "Der Kirschgarten", und so mag es auch dem Publikum im Berliner Ensemble mit der Ranjewskaja-Darstellerin Cornelia Froboess gehen. Allerdings darf man bei der Zahl der Jahre, die sie von der Hauptstadt abwesend war, getrost noch eine Null dranhängen. Künstlerisch und auch sonst lag die Heimat der in Wriezen bei Berlin geborenen Schauspielerin viele Jahrzehnte lang näher am Starnberger See als am Wannsee. Seit 1972 gehörte sie dem Ensemble Dieter Dorns an - zunächst in den Münchner Kammerspielen, dann am Residenztheater. Die Verabschiedung Dorns dort hat die 68-Jährige wieder auf den freien Schauspielermarkt geworfen.

Nun spielt sie erstmals seit langem in der alten Heimatstadt, und Claus Peymann, der Hausherr des Berliner Ensembles, wirbt im Programmflugblatt für die "Kirschgarten"-Premiere dezent aber nachdrücklich mit seinem Besetzungscoup. Er weiß, dass Cornelia oder besser noch "Conny" Froboess beim älteren Teil seines aus den West-Berliner Bezirken kommenden Publikums Erinnerungen wachruft, die nicht nur mit Tschechow zu tun haben. 1951, als Cornelia Froboess sieben Jahre alt war, sang sie den Schlager "Pack die Badehose ein", der zur inoffiziellen Hymne West-Berlins wurde.

Damit begann eine erfolgreiche Karriere im Genre der leichten Muse, vor der sie Ende der Sechzigerjahre unterfordert ans Theater und dann in den Süden floh. Künstlerisch hatte Cornelia Froboess allerdings schon seit Jahrzehnten wieder Kontakt mit Berlin. Der Verbindungsmann hieß Thomas Langhoff. Der Regisseur und ehemalige Intendant des Deutschen Theaters war immer ein gern gesehener Gast in München, und sie spielte in zahlreichen seiner Inszenierungen.

Langhoff arbeitet jetzt regelmäßig am Berliner Ensemble, und er hat dort nun auch bei "Kirschgarten" Regie geführt. Man kann sagen, dass er das mit einem gewissen Berliner Tempo getan hat. Schneller als hier hat das hochsymbolische Sehnsuchtsgehölz selten sein Schicksal ereilt. Nur gut zwei Stunden dauert es, bis die Axthiebe, die von draußen in das Gutshaus hallen, ankündigen, dass die alte Zeit der überflüssigen Menschen, die sich sentimental an alte Häuser und alte Kirschbäume klammern, endgültig vorbei ist. Es hat auch schon Inszenierungen gegeben, die dafür doppelt so lange gebraucht haben.

Passend dazu unterspielt Cornelia Froboess ihre Ranjewskaja mit einer gewissen ostentativen Nüchternheit. Die Gutsbesitzerin wirkt hier wie eine Frau, die eigentlich sehr gut weiß, wie es um sie steht, aber für sich bilanziert hat, dass es jetzt auch nicht mehr lohnt, noch vernünftig zu werden. Der Sohn, der ihr auf dem Gut vor Jahren ertrunken ist, würde davon auch nicht wieder lebendig. Das ist ein ganz erfrischender Kontrast. Denn oft wird die Ranjewskaja ja als eine halb Geistesgestörte, etwas esoterische Harfenjule gespielt. Das wäre aber nicht dem Geist der Übersetzung von Thomas Brasch angemessen gewesen, die alles Kitschige ruppig eliminiert hat. Nur das Bühnenbild von Katrin Kersten übertreibt es ein bisschen mit der Nüchternheit und der Berlin-Seligkeit zugleich: Es verbreitet die Atmosphäre einer unterirdischen öffentlichen Toilette im West-Berlin der Siebzigerjahre. Vielleicht am Bundesplatz oder am Zoo. Man erwartet ständig, dass gleich Christiane F. hereingeschlichen kommt, um sich heimlich einen Schuss zu setzen. Gut, dass wenigstens auch die hässlichen Kostüme von Wicke Naujoks keine Sekunde lang den Eindruck aufkommen lassen, es ginge hier um die historisch getreue Abbildung einer in Schönheit verblühenden russischen Kaste reicher, einigermaßen geschmackvoller Menschen.

Man seufzt innerlich (in Abwandlung eines alten Spruches von Loriot über moderne Wagner-Inszenierungen): Jetzt hat man den "Kirschgarten" schon so oft in Bahnhofsklos mit Allerwelts-Gegenwartstypen gesehen, die ihre Kleidung bei Humana kaufen, dass man nichts dagegen hätte, wenn das Stück mal wieder in einem Gutshaus mit Gutsbesitzern gespielt würde. Am liebsten mit solchen, die erscheinen, als hätten sie ihre Schulden zum Teil mit übertrieben hohen Schneiderrechnungen angehäuft.

Das stört aber alles nicht sonderlich. Man sieht den Schauspielern auch im grellen Licht gerne zu. Das wichtigste Gegenüber der Ranjewskaja ist der vorgenannte Lopachin, der am Ende den Kirschgarten kauft und sich niemals aufraffen kann, die praktisch gesinnte Ranjewskaja-Tochter Warja (Laura Mitzkus) zu heiraten - möglicherweise weil ihm die Mutter lieber wäre. Ihn spielt Robert Gallinowski angemessen als groß gewordenen Jungen, der zwar gern auf dicke Hose macht, aber damit eigentlich nur verbirgt, dass er selbst schon von der Wehmut Blässe angekränkelt ist. Darin lag Tschechow ja geschichtsprophetisch genau richtig: Die russische Revolution hat dem geschäftstüchtigen Lopachin-Typus, kaum dass er sich aus der Armut und Leibeigenschaft befreit hatte, gleich wieder den Garaus gemacht.

Und dann ist da noch Firs. In der vielleicht traurigsten Stelle der Weltliteratur wird der greise Diener am Ende des Stücks im leeren Haus eingeschlossen, vergessen und dem Tode geweiht. Wenn diese Szene gelingt, übertüncht sie manche vorherige Schwäche. Das gelingt hier wieder einmal: Der 79-jährige Jürgen Holtz spielt den fast 90-Jährigen mit fast vital zu nennender Lebensverachtung. Das ist vielleicht der Trick: Man muss noch relativ jung sein, um als Firs so steinerweichend auftreten zu können.

Die Welt

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