Montag, 28. November 2011

"Eugen Onegin" in der Schaubühne

„Eugen Onegin“ ist eine Geschichte aus einem fernen Land lange vor unserer Zeit, in dem sogar die Männer Korsetts trugen und die Frauen sich mit dem Säbel duellierten. Sich zu waschen galt als gesundheitsgefährdend, aber den sinnlosen Tod wegen einer Frage der Ehre beim Duell nahm man leichten Herzens in Kauf – so wie Alexander Puschkin, der sich in seinem Leben knapp 30mal mit Pistolen auf Leben und Tod duellierte. Beim letzten Zweikampf starb er.

Weil uns die Welt der St. Petersburger goldenen Jugend des frühen 19. Jahrhunderts, kurz nach den napoleonischen Kriegen, als das Zarenreich auf dem Gipfel seines europäischen Großmachtstatus war, heutzutage so fremd ist, hat der Regisseur Alvis Hermanis in der Berliner Schaubühne nicht nur den Text von „Eugen Onegin“ selbst, sondern auch gleich noch einen Volkshochschulvortrag drumherum inszeniert. Die Darsteller sitzen in einer Bibliothek – zu Beginn noch im gegenwärtigen Alltagskostüm – und berichten amüsante Details über die Lebenswelt junger russischer Adeliger in den 1820er Jahren. Dabei sind die Zitate aus Puschkins Versroman selbst zunächst nicht mehr als Belegstellen in ihrem Vortrag.

Man erfährt vom Zivilisationsgemisch dieser Aristokratenseelen. Noch immer können sie sich besser in Französisch als in Russisch ausdrücken – Orlando Figes hat in seinem Kulturgeschichte Russlands „Natascha tanzt“ darauf hingewiesen, dass die Ablösung vom lange geradezu sklavisch nachgeahmten Pariser Vorbild nicht so schnell vonstattenging, wie es in Tolstois „Krieg und Frieden“ geschildert wird. Mittlerweile kommen auch noch andere Einflüsse dazu: Onegin (Tilman Strauß) selbst imitiert in geradezu parodistischer Art Londoner Dandys und die romantische Melancholie eines Lord Bryon, sein Freund Lenski (Sebastian Schwarz) hat in Göttingen studiert und dort deutsche Philosophie und Poesie aufgesogen.

Die Verbindung mit der Volkskultur entsteht bei dieser Oberschicht noch immer in erster Linie durch die Lektüre der Bibel, mit der man in Ermangelung anderer russischer Texte lesen lernt, und durch die Lieder und Geschichten, die ihnen ihre Ammen erzählen. Umso bedauerlicher, dass Alvis Hermanis, dieser Lette, der seit knapp einem Jahrzehnt durch Inszenierungen meist russischer Stoffe und Stücke zum gesamteuropäischen Starregisseur geworden ist, die Amme der vergeblich in Onegin verliebten Landadeligen Tatjana gestrichen hat. Dafür wird eine Szene, die in die Welt der wahren russischen Ammenmärchen führt, zu einem der theatralen Höhepunkte: Eine Traumschau, bei der Tatjana von einem Bär verfolgt, durch den winterlichen Wald gejagt und schließlich halb freundlich, halb missbräuchlich zu einer gespenstischen Hütte im Wald getragen wird. Den Bären darf man wohl einerseits als Verkörperung aller verdrängten russischen Volksgeister ansehen, anderseits ist er natürlich auch ein starkes erotisches Symbol – und so wie sich die Schauspielerin Luise Wolfram im Bärenkostüm teils kopulierend, teils wärmend, teils verschlingend im Bett über Tatjana (Eva Meckbach) wälzt, ist das purer haariger Sex. Für Tatjana ist der Bär, was der Wolf für Rotkäppchen ist: ein Deflorations-Monster.

Die Idee, die eigentliche Handlung mit Erläuterungen, quasi mit Fußnoten zu erzählen, ist in der Struktur von „Eugen Onegin“ schon vorgegeben: Bereits Puschkin lässt die Geschichte von einem Rahmen-Erzähler vortragen, der die Dinge, die er beschreibt, ständig kommentiert und erklärt. Wie Balzac zur gleichen Zeit auf der anderen Seite Europas liebte Puschkin es, in geradezu feuilletonistischer Weise über seine Figuren nachzusinnen. Nicht umsonst ist der „Onegin“ schon vom Zeitgenossen Belinski als „Enzyklopädie“ des russischen Lebens bezeichnet worden – wenn er das wäre, hätte Puschkin mit einem schmalen Bändchen erreicht, was Balzac mit den 91 Romanen seiner „Menschlichen Komödie“ anstrebte. Den distanzierten Ton trifft in der Schaubühne am besten Robert Beyer, dessen ironischer Sound hervorragend zur Rolle des Erzählers (mit einer afrogekräuselten Perücke a la Puschkin) und des dämonisch-gelangweilten Duell-Zeremonienmeisters Saretzki passt.

Mit Hilfe ihres angelesenen Wissens arbeiten sich die Darsteller allmählich in die Figuren vor. Der Vorgang erinnert stark an die Arbeitsweise, die Peter Stein in den Siebziger- und Achtzigerjahren an diesem Theater pflegte – nur dass das damals alles während der Probenzeit stattfand und auf der Bühne nur das Ergebnis der Bildungs-Trips zu sehen war. Hier und heute verwandeln sich die Schauspieler erst etwa in der Mitte des Stückes in komplett kostümierte Figuren. Man kniet innerlich nieder vor Dankbarkeit darüber, dass Onegin & Co die haustypische Trainingsjackenästhetik erspart blieb.

Doch das Kunststück, das bei Puschkin gelang, kann hier nur sehr begrenzt wiederholt werden. Das Faszinierende an dem Roman ist ja, dass man bei allem Abstand, den der Autor zu seinen Figuren hält, trotzdem mit ihnen leidet, liebt und seufzt. Es gab in Russland Onegin- und Tatjana-Moden, wie es einige Jahrzehnte zuvor eine internationale „Werther“-Mode gegeben hatte. Von solcher Ergriffenheit bleibt der Zuschauer in der Schaubühne nicht nur dank der Epochendistanz verschont. An diesen schönen jungen Russen hängen die Fußnoten wie Stahlkugeln an Häftlingen. Sie behindern sie auf ihrem mühevollen und weiten Weg ins Herz des Zuschauers. Am Ende der knapp zwei Stunden hat man viel gelernt und gelacht, aber zu wenig gefühlt.

Die Welt

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